• Jugendpsychiatrie

    © MEV/Mike Witschel

     

Ein Gerichtspsychiater berichtet

Der Gerichtspsychiater Josef Sachs erzählt dem PPH-Autor von seiner Arbeit mit psychisch kranken Straftätern und seinen forensisch-psychiatrischen Gutachten. Es verwundert, dass dieser ruhige, von seinem Erscheinungsbild unaufdringlich wirkende Mensch mit „schweren Jungs“ zu tun hat. In dieser malerischen Umgebung im aargauischen Windisch werden inzwischen auf drei Stationen psychisch kranke Rechtsbrecher therapiert.

„Wir verzichten bewusst auf holzschnittartige Vereinfachungen, allgemeingültige Rezepte und pauschale Schuldzuweisungen. Jugendgewalt ist ein zu komplexes Phänomen, als dass es ausschließlich auf gewaltverherrlichende Computerspiele, das Versagen der Eltern oder soziale Probleme zurückgeführt werden könnte. Deshalb gibt es keine griffigen Mittel, mit denen wir die Gewaltbereitschaft aus der Welt schaffen können. Zielführend sind hingegen einige langfristig wirksame Maßnahmen zur Gewaltprävention“, schreibt Sachs. Als ich diese Gedanken in seinem Buch gelesen habe, bin ich neugierig gewesen, Sachsʼ Ideen genauer anzuschauen, mit ihm vertiefter ins Gespräch zu kommen.

Es stellt sich die Frage, inwieweit Sozialisationsbedingungen den Weg junger Menschen mitentscheiden. Während des Spaziergangs durch den Park der Klinik Königsfelden bestätigt Sachs, dass Kinder und Jugendliche Vorbilder bräuchten. Soziales Lernen finde durch Identifikation statt, unterstreicht er. Deshalb sei es so wichtig, dass junge Menschen mehrere soziale Umgebungen erlebten. Wenn heutzutage durch die Ganztagsschule der Großteil der Aufmerksamkeit auf den Sozialraum Schule gelenkt werde, sei die Gefahr der „totalen Institution“ gegeben, erinnert Sachs an den Soziologen Erving Goffman.


Ständig am Ball bleiben

Gerichtspsychiater Josef Sachs ist in der Schweiz bekannt wie ein bunter Hund. Wenn die forensische Psychiatrie in den Medienanstalten der Eidgenossenschaft ein Thema ist, scheint er einer der ersten Ansprechpartner zu sein. Passieren in der Schweiz Verbrechen, die aufhorchen lassen, so wird Sachs immer wieder nach seiner Meinung gefragt. Das wirkt nachvollziehbar, wenn man ihn erlebt, wie er sich nachdenklich im Gespräch gibt, aber auch pointiert formuliert.

Wenn man gewaltpräventiv wirksam werden wolle, müsse man ständig am Ball bleiben, meint Sachs. Deshalb müssten sämtliche Akteure, die an der Sozialisation und Erziehung junger Menschen beteiligt seien, auch zusammenarbeiten. Die Mischung mache den Menschen aus, um sich identifizieren, aber auch abgrenzen zu können. Es mache dem jungen Menschen nichts, wenn verschiedene Institutionen verschiedene Werte verträten. Entscheidend sei, dass junge Menschen den Geist der Unterscheidung lernten. Beispielhaft schaut Sachs auf Schüler von Klosterschulen, die eine hervorragende Bildung und Erziehung erlebten. Wenn sie jedoch ans Licht und die Hitze des Lebens außerhalb der Klostermauern kämen, würden sie wie Schokoladenhasen schmelzen.

In diesem Zusammenhang kommen wir auf die psychiatrisch Pflegenden zu sprechen. „Sie sind am nächsten dran“, spricht Sachs anerkennend aus. Dies sei eine große Verantwortung. Denn wenn psychiatrisch Pflegende sich als Modelle für den Alltag verstünden, so müssten sie sicher bei Sozialisationserfahrungen nachhelfen. Doch brauche es Mut, sich als Erfahrungsmotor zur Verfügung zu stellen.


Es geht nicht um Skandalisierung

Mit dem Buch „Faszination Gewalt“ wollen Josef Sachs und Volker Schmidt die Diskussion um Jugendgewalt versachlichen. Ihnen geht es nicht um Skandalisierung und Hysterisierung. Gewalt, auch jugendliche Gewalt, sei ein Phänomen, das sich in allen Zeiten und allen sozialen Schichten finden lasse.

Faszination Gewalt

Faszination Gewalt
Was Kinder zu Schlägern macht
Josef Sachs, Volker Schmidt

Ein großes Problem sei heutzutage die Wohlstandsverwahrlosung. Jugendliche Gewalt ereigne sich grenzenloser und brutaler als noch vor wenigen Jahrzehnten. Studien aus der chirurgischen Notfallhilfe zeigten, dass die Zahl von Gesichtsverletzungen zunehme und das Körperbewusstsein junger Menschen sich reduziere. Man möge mutmaßen, so Sachs, dass Jugendliche heute zu wenig unmittelbare Körpererfahrungen erlebten, weil das freie Spiel im Wald zunehmend durch Onlinespiele am Computer ersetzt werde. Sieht er einen Zusammenhang zu den in Mode gekommenen Körpermodifikationen? „Nicht unmittelbar“, sagt Sachs. Der Wellnesstrend der Gegenwart zeige aber, dass körperliche Erfahrungen gesucht würden.

Während der Spaziergang durch den Park der Klinik Königsfelden zu seinem Ende kommt, gehen mir so manche Gedanken durch den Kopf, die mit Josef Sachs noch zu erläutern wären. Man glaubt, dass forensische Psychiater viel zu den Abgründen der menschlichen Seele zu sagen haben. Der Diskurs in Windisch zeigt, dass sie viel mehr als angenommen über den Alltag der Menschen und die unzähligen Fallstricke zu sagen haben. Diesen Stein gilt es in der nahen Zukunft aufzuheben.

Christoph Müller

Aus der Zeitschrift PSYCH.PFLEGE HEUTE 2/2015

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