• Ob in China ein Sack Reis umgefallen ist…

     

Ob in China ein Sack Reis umgefallen ist…

…hat vor der Globalisierung niemanden hier so wirklich interessiert. Je weiter etwas entfernt ist, desto kleiner sieht es aus. Daher war es ähnlich mit Hungersnöten, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen – wenn sie nur weit genug weg von uns geschahen. Es war tragisch und schlimm, aber es hat unseren Lebensstil nicht nachhaltig beeinflusst.

Seit kurzem jedoch kommen auch bei uns „die Einschläge näher“. In Griechenland und Spanien ist die Hälfte der unter 25-Jährigen arbeitslos, in Italien und Portugal ist es mehr als ein Drittel. Die globale sozioökonomische Krise ist in den reichen Ländern Europas angekommen und sie klopft an unsere Tür. Momentan können wir das Klopfen noch leicht überhören. Nur was passiert, wenn sie einfach ungeladen eintritt?

Die Zunahmen diagnostizierter psychischer Erkrankungen und die allgegenwärtige Burnout-Diskussion lassen vermuten, dass sie schon einen Fuß in der Tür haben könnte. Wenn wir davon ausgehen, dass psychiatrische Erkrankungen einerseits aus sozialen Zusammenhängen und Konflikten entstehen, andererseits auch sozial konstruiert sind, müssen wir befürchten, dass auch die Psychiatrie vor großen Herausforderungen steht. Diese Aufgabe lässt sich aber kaum lösen, indem die Medizin sich auf die Erforschung von Neurotransmittern beschränkt oder die Psychologie noch genauer differenziert, welche Therapiemethoden bei welcher Erkrankung keine Evidenz zeigen. QM-Richtlinien und Zertifikate an Klinikportalen werden hier ebenfalls keine Lösung darstellen.

In grauer Vorzeit gab es Ansätze, die sich mit der sozialen Dimension und damit auch mit den sozialen Aspekten der Behandlung psychischer Erkrankungen auseinandergesetzt haben. Ohne nostalgisch Retro-Modelle zu beschwören, täten wir gut daran, den Blick von der mikroskopischen Ebene weg auf die Umgebung zu richten. Die psychiatrische Pflege kann das – konnte es schon immer, sie hat traditionell einen sehr breiten, umfassenden Ansatz. Sie tut gut daran, diesen selbstbewusst darzustellen, und damit auch die vielen alltäglichen Dinge, die so selbstverständlich erscheinen, dass sie kaum benannt und noch weniger erforscht werden.

Da sind beispielsweise die sogenannten „unspezifischen Wirkfaktoren“: Beziehung, Milieu, Zuversicht, Zuverlässigkeit, Authentizität, Zuhören, Trösten etc. …und natürlich die Wärmflasche. Es gibt meines Wissens keine wissenschaftlichen Untersuchungen darüber, wie viel Schlafmittel und Bedarfsmedikamente eingespart werden, dadurch, dass eine umsichtige Nachtwache vorschlägt: „Soll ich Ihnen erst einmal eine Wärmflasche machen, dann schauen wir, ob Sie noch ein Medikament benötigen?“

Neuerdings fällt die Wärmflasche unter das Medizinproduktegesetz, nicht wegen ihrer guten – aber unbewiesenen – Wirksamkeit, sondern wegen eventueller Nebenwirkungen. Eine weder registrierte, noch gewartete und damit illegale Wärmflasche könnte platzen oder Verbrühungen hervorrufen.

Oft helfen kleine Dinge gegen große (auch soziale) Kälte. Man kann statt der Wärmflasche auch ein Körnerkissen nehmen. Das hat, abgesehen von der Größe, Ähnlichkeit mit einem Sack Reis und unser Interesse verdient.

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

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