• Wo, bitte, ist das nächste Phrasenschwein?

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Wo, bitte, ist das nächste Phrasenschwein?

„Na, wie geht’s?“ Das ist nur eine der vielen Floskeln, mit der ich mal so und mal so über den Tag komme. Da gibt es ja noch unbegrenzte Steigerungsformen.

Von „Und Du so?“ über „Und sonst?“ oder „Was macht die Kunst?“. Ganz wortkarge Leute schaffen es dann oft nur zu einem knappen „Und?“ oder „Läuft’s?“ Ich glaube, dass keiner dieser Fragensteller eine ernsthafte Antwort erwartet, auf die er gar noch reagieren muss oder soll. Wenn ich zum Frühdienst, selbst noch nicht ganz wach, angeschlichen komme und mich bei der Kollegin mit einem Halbsatz erkundige, wie die Nacht war, erwarte ich keinen epischen Abriss der letzten zehn Stunden. Mir genügt da durchaus ein „gut“, „ging so“ oder „finster“, damit ich mir beruhigt erst mal einen Kaffee holen kann. Dass wir dann, wenn alle Kollegen angekommen und wahlweise mit Kaffee oder Tee versorgt sind, eine ordentliche Dienstübergabe machen, versteht sich von selbst.

Aber gerade in der letzten Zeit treibt mich doch das Thema Phrasen und Floskeln verstärkt um und nervt beträchtlich. Wenn ich zum Beispiel von einem Kollegen, einem Vorgesetzten, durchaus aber auch von Freunden oder der Familie auf aktuelle Themen angesprochen oder sogar zu Workshops eingeladen werde (letzteres natürlich eher weniger von meinem Sohn), in denen ich ja geradezu aufgefordert bin, meine Meinung, Ideen und Wünsche vorzutragen. Wenn diese Aktionen beendet werden mit Floskeln wie „Schön, dass wir darüber gesprochen haben“ oder „Danke für das Gespräch“, bin ich schon mal leicht bedient. Mein geheimer Favorit ist dabei: „Das nehme ich mal mit!“ Da frage ich mich immer wieder – wohin jetzt genau? Was passiert mit mühsam, wahrscheinlich noch in Gruppenarbeiten erarbeiteten Ideen und Wünschen? Verschwunden im Nirwana? Gibt es irgendwo eine Deponie für solche Dinge? Ich weiß es nicht!

Wir sind bei der ganzen Phrasendrescherei aber nicht allein. Ob in Stellenanzeigen oder in Bewerbungen. Sehr gern auch in Zeugnissen. Floskel statt Klartext. In der Werbung gefällt mir besonders der Slogan: „Bei uns wird Qualität noch großgeschrieben!“ Ja, wie denn sonst? Würden sie es klein schreiben, wäre es ein Rechtschreibfehler. Auf Station in der Pflegedokumentation – immer wieder gern genommen: „Patient war unauffällig!“ Es wundert mich nicht, dass der MDK dann einige Fragen hat. Im Journalismus oder in der großen Politik – überall sind nichtssagende, raumfüllende und mehr oder weniger wohltönende, witzige oder einfach nur dumme Floskeln, Phrasen oder Worthülsen zu finden.

Ganz vorn dabei sind Politiker. Im Internet kann ich sogar einen Phrasomat bemühen, um mir zum Beispiel eine Rede der Bundeskanzlerin selbst zu basteln. Da kann ich mit Floskeln wie „Ich werde mich bemühen“, „Ich bin für mehr Gerechtigkeit“ oder „Ich bin empört“ und „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht“ nur so um mich werfen. Um dann meine intellektuellen Fähigkeiten noch ein bisschen mehr in den Vordergrund zu schieben oder aber einschüchternd zu wirken, schiebe ich noch schnell „So kann ich das nicht committen“ oder Ähnliches nach und bin dicke da. Das wäre dann viel gesprochen und wenig gesagt. Der Bayer an sich würde es auf den Punkt bringen: „Hauptsache, die Luft scheppert!“

Nun ist es ja so, dass Floskeln aller Art zum täglich Smalltalk gehören. Sie werden auch als „Sprachmüll des Alltags“ bezeichnet. Ich sehe das nicht ganz so eng. Sie umschreiben oder beschreiben das Gesagte. Sie unterhalten uns. Sie füllen peinliche Pausen, können Emotionen zeigen. Sie sind sehr gut geeignet, um Unwissen zu kaschieren oder mit Halbwissen aufzuwarten. Ich glaube, ohne Floskeln geht es gar nicht. Zumindest nicht im normalen Leben und Alltag. Wir können ja nicht den lieben langen Tag nur auf ganz pragmatischer und versachlichter Ebene kommunizieren, und auch diese Kolumne wäre nur ein Blatt weißes Papier mit meinem Namen darunter.

Anders ist es wahrscheinlich in allen Bereichen, in denen Checklisten abgearbeitet werden, wenn es um Sicherheiten geht – das will ich zumindest annehmen. Bei der Polizei und bei der Bundeswehr. Oder in einer OP, wo jeder Handgriff sitzen muss und jedes Geplänkel außen vor sein sollte.

Aber – und das ist mir auch wichtig – wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, ob im Beruf oder im Privatleben, sind irgendwelche Floskeln oder hohlen Phrasen unangebracht. Es entsteht, zumindest bei mir, häufig der Eindruck, dass das Gegenüber nur genervt ist und eigentlich viel wichtigere Dinge zu tun hat, als sich ausgerechnet mit mir zu unterhalten. Da bin ich dann lieber für klare Worte. Nichts für ungut.

In diesem Sinne,

Ihre

Heidi Günther
hguenther@schoen-kliniken.de

Aus der Zeitschrift intensiv 4/15

 

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