• Doublebind

    Im Laufe des Gesprächs glaubte ich, neben der gegenseitigen Sympathie auch eine angenehme, leicht knisternde Spannung in der Luft zu spüren.

     

Doublebind – im gemischten Doppel

Meine ehemalige Kollegin Mira wandte sich hilfesuchend an mich, sie habe ein großes Problem in der Arbeit. Wir verabredeten uns außerhalb der Einrichtung in einem Café. Mira war eine sehr herzliche, sympathische und attraktive Kollegin und ich wusste im Vorfeld, dass etliche männliche Kollegen ein „Auge auf sie geworfen“ hatten.

Genau diese Tatsache stellte sich dann auch als Grund für ihren Gesprächsbedarf heraus. Sie berichtete von diversen Vorfällen, mal habe ein Kollege ihr wiederholt nach ihrem Dienst aufgelauert, um sie mit eindeutigen Angeboten zu bedrängen. Ein anderer sei ihr immer wieder mit verbalen Anzüglichkeiten begegnet. Das Fass zum Überlaufen habe nun ein Kollege gebracht, der sie penetrant immer wieder zum Essen oder auf einen Drink einladen wollte. Sie habe alle seine Angebote konsequent abgelehnt. Nun sei dieser Kollege Therapeut mit großer psychoanalytischer Kompetenz und rhetorischen Fähigkeiten. Er habe sie kürzlich zu einem offiziellen Gespräch gebeten und ihr erklärt, dass ihre Ablehnung ihm gegenüber pathologische Züge einer ernst zu nehmenden sexuellen Störung aufweise. Weinend berichtete sie, er habe dies so ausführlich und überzeugend begründet, dass sie selber nun große Befürchtungen habe, an einer psychischen Störung zu leiden.
Ich hörte aufmerksam zu und fragte an dieser Stelle, ob es für sie richtig sei, mit einem Mann über diese Problematik zu reden. Mira sagte mir, sie habe absolutes Vertrauen zu mir. Insgeheim spürte ich nun ein gewisses Triumphgefühl und Stolz in mir aufsteigen. „Die Kollegen bekommen alle eine Abfuhr und mit mir trifft sich Mira freiwillig in einem Café. Schade, dass die Typen das nicht mitbekommen.“ Im Laufe des weiteren Gesprächs glaubte ich, neben der gegenseitigen Sympathie auch eine angenehme, leicht knisternde Spannung in der Luft zu spüren.

Mira berichtete, dass sie schon etliche Anzüglichkeiten und Sprüche von Patienten erfahren habe, diese habe sie immer problemlos einordnen und wegstecken können. Das, was sie jedoch in den letzten Wochen von Kollegen, von psychiatrischen Profis, habe ertragen müssen, sei nicht mehr hinzunehmen. Die Angst, an einer sexuellen Störung zu leiden, löse bei ihr fundamentale Verunsicherung, Schlafstörungen und unkontrollierte Weinattacken aus. Voller Empathie versuchte ich ihr nun zu erklären, dass der Kollege diese vermeintliche Störung lediglich konstruiert habe, um seinen eigenen Narzissmus zu schützen, da er Zurückweisung nicht ertragen könne. Dann – war diese Versicherung eher ihr oder mir selbst geschuldet? – ließ ich mich dazu hinreißen, ihr zu sagen, dass sie von mir nichts zu befürchten habe, sie könne sich sicher sein, dass ich nichts von ihr wolle. Mira sah mich daraufhin fassungslos und ungläubig an und sagte: „Du bist gemein und doof.“ Damit stand sie auf und ging.

 

 

 

 

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

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