• Lesen Sie mehr über die Erfahrungen der Berlinerin Heidi Günther über ihre mittlerweile 15-jährige Zeit in München.

     

Eine Berlinerin in München

„Jibt dir det Leben een Puff, denn weine keene Träne! Lach dir ’n Ast und setz dir druff und baumle mit de Beene.“
(Heinrich Zille, 1858–1929)
„I sag gar nix. Dös wird man doch noch sagen dürfen.“
(Karl Valentin, 1882–1948)

 

Vor ein paar Tagen rief ein Arzt einer anderen Abteilung auf unserer Station an und begrüßte mich mit den Worten: „Hallo Heidi, du oide Wursthaut!“ Bis dahin mochte ich, wie alle Schwestern unserer Station, diesen jungen Mann eigentlich sehr gern. Sogar zu unserer Weihnachtsfeier hatten wir ihn eingeladen. Und dann das. Ich habe kurz darüber nachdenken müssen, was in den letzten Tagen anders war als bisher.

Bei unserem darauffolgenden Zusammentreffen habe ich ihn (ziemlich rüde) angesprochen um mich zu erkundigen, warum er mich eigentlich „alte Wurst“ nennt. Große Heiterkeit brach unter den Bayern der Station aus. Ja, konnte ich denn wissen, dass das so viel wie eine kumpelhafte Begrüßung ist, im positivsten Sinne.

Vor mehr als 15 Jahren bin ich aus Berlin nach München gezogen. Ich war – und bin es immer noch – sehr gern Berlinerin. Dass es mir aber in den ganzen Jahren nur sehr begrenzt gelingt, mich mit der bayrischen Sprachkultur anzufreunden, hätte ich nicht gedacht. Das geht ja schon beim Bäcker los.

Bei uns in Berlin gibt es Schrippen, Knüppel, Schusterjungs. Hier kauft man Semmeln und Laiberl. Kuchen heißen hier oft Datschi, während man in Berlin beim Bäcker durchaus einen Liebesknochen oder Pfannkuchen kaufen kann. Eierkuchen wiederum sind hier Pfannkuchen. Und so könnte ich das noch eine ganze Weile weiterführen. Von Bulette oder Fleischpflanzl bis Klöße oder Knedl.

Schlimm ist es auch, wenn ich hier Termine machen möchte. Kaum ein Bayer versteht mich. Viertel acht in Berlin ist viertel nach sieben in München. Und hier geht man nicht runter, hoch oder rüber sondern obe, umme, aufe. Und auf eine Frage bekommt man schon mal ein „des bassd scho’“ zur Antwort. Hier ist alles außerhalb der Stadt „am Land“, in Berlin „jwd“ (janz weit draußen).

Berliner sind oft kurz und bündig. Komme ich zur Tür rein, genügt ein knappes „Tach“, während der Bayer mindestens ein „Griàs Gōd“ oder aber ein „Griàsaichgōdbeianand“ von sich gibt.

Wir Berliner haben es ja nicht so mit der Grammatik: „Ick geh ma kieken bei die Leute.“ Während es im Bayrischen offensichtlich Vokale im Überfluss gibt: „Oachkatzlschwoaf“ (ein Klassiker, um Nichtbayern zu verwirren, soll Eichhörnchenschweif heißen und kommt aber eigentlich aus dem österreichischen Sprachgebrauch) und das „E“ nicht gerade der Favorit ist.

Meine bayrischen Kolleginnen bemühen sich seit Jahren mich sprachlich zu integrieren, auch wenn ihre Erfolge spärlich sind. Hauptsache aber wir verstehen uns, können gut miteinander arbeiten, lachen und wenn nötig auch ernsthaft sein. Und es ist ihnen hoch anzurechnen, dass sie in meiner Gegenwart eine für mich, die „Zuagroaste“, eine verständliche Sprache finden – und das ist auch gut so, würde mein Bürgermeister sagen!

 

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