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English for runaways

Neulich, als Bernd Müllers Internetzugang nicht mehr funktionierte, musste er einen Fachmann hinzuziehen. Er rief beim User-Helpdesk an und wurde mit Fragen konfrontiert wie: ob er einen Thin Client oder einen Desktop PC benutze, welche IP-Adresse die Workstation habe, was die DHCP und die DNS-Serveradressen seinen, und so weiter. Anhand der Fragen hat er sofort gemerkt, dass er es hier mit einem echten Fachmann zu tun hatte.

Dieser erklärte Herrn Müller, dass eventuell das letzte Release der XYZ-Software Fallouts auf dem Mainserver produzieren könnte, das würde mit dem Follow-Up-Update jedoch neu konfiguriert. Bis dahin könne er es mit einem kleinen Tool selber richten, dieses stehe auf der IT-Website in dem Thread FAQ: Reconnect als Download zur Verfügung. Spätestens jetzt wusste Herr Müller, dass er viel zu blöd für diese Welt war, und er traute sich auch nicht mehr zu erwähnen, dass er ja gar keinen Internetzugang mehr habe, um etwas herunterzuladen. Das war nun der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Bernd Müller brauchte eine Auszeit, zwei Tage später wurde er auf der Depressionsstation aufgenommen, auf der er vor zwei Jahren schon einmal war. Ein junger Pfleger stellte sich ihm vor und erklärte ihm, dass sie ein neues Pflegesystem implementiert hätten, er sei nun als Primary Nurse für ihn zuständig. Das gesamte Setting der Station sei auf Recovery und Empowerment ausgerichtet. Man unterstütze die Patienten durch evidenzbasierte Interventionen, um ihre eigenen Ressourcen zu entdecken, dabei seien ihnen die Faktoren Hope, Wellness und Resilienz besonders wichtig. Die pflegerischen Assessments würden sogar wissenschaftlich evaluiert. Also: mehr kann man nicht erwarten. Bernd Müller jedoch war überwältigt, geradezu sprachlos, er verzichtete auf die Aufnahme, fuhr nach Hause, zog das Netzwerkkabel seines Rechners und stellte dabei einen Wackelkontakt fest. Danach lief alles wieder, auch das Internet. Diese simple Lösung hatte ihm sein Selbstvertrauen zurückgegeben, aber er musste noch lange überlegen, was diese beiden jungen Männer – der von der Hotline und der Krankenpfleger – eigentlich gemacht haben. Wollten sie ihre fachliche Überlegenheit demonstrieren? Wollten sie mit ihrem Fachchinesisch eigene Unsicherheiten verschleiern, wollten sie ihn mit ihrem Expertentum beeindrucken, oder wollten sie ihm einfach nur helfen? Sprache ist toll, wenn sie für beide Seiten Anschlussmöglichkeiten bietet. Manchmal ist es jedoch gut, den Stecker zu ziehen, einen Moment zu warten und dann neu zu verbinden (resetten!).

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

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