• Psychisch kranke Kinder - Spieltherapie

     

Der erste Schritt ist der schwerste

Angehörige psychisch Kranker bleiben bei der Pflege oft selbst auf der Strecke, sind verzweifelt, wütend und traurig. Sich einzugestehen, dass man selbst Hilfe braucht, kostet Überwindung.

Lesen Sie in unserem Fallbeispiel, wie die Mutter einer psychisch Erkrankten durch eine Selbsthilfegruppe neue Kraft fand. Um den entscheidenden Schritt aus der Anonymität zu wagen, half ihr eine Wanderung.

Wäre alles anders gekommen, hätte sie die ersten Zeichen richtig gedeutet? Die Dame mir gegenüber in der Geschäftsstelle des Landesverbands Bayern der Angehörigen psychisch Kranker (Infokasten) zuckt die Schultern. Diese Frage hat sie sich schon oft gestellt. Eine Antwort hat sie bislang nicht gefunden.

LANDESVERBAND BAYERN DER ANGEHÖRIGEN PSYCHISCH KRANKER E. V.

Der Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e. V. ist die gemeinnützige Dachorganisation der bayerischen Angehörigen-Selbsthilfe. Der Landesverband besteht seit 1990 und hat derzeit 2350 Mitglieder.

Er ist parteipolitisch und konfessionell neutral und wird von den bayerischen Bezirken und von der Selbsthilfeförderung der Krankenkassen finanziell unterstützt. Er ist Mitglied im Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e. V. mit Sitz in Bonn.

All seine Anstrengungen haben zum Ziel, die Lebensqualität der Angehörigen psychisch kranker Menschen zu verbessern, ihnen Benachteiligungen zu ersparen und die Familien im selbstbewussten Umgang mit dem Schicksal einer psychischen Erkrankung zu stärken.

Heute ist ihre einst so vielversprechende Tochter 28 Jahre alt. Sie hat die Schule abgebrochen und arbeitet nicht, obwohl ihr äußerlich nichts zu fehlen scheint. Eileen hat eine eigene Wohnung. Dennoch lebt sie häufig bei ihren Eltern.

Eileen leidet unter einer Zwangsstörung. Sie braucht jeden Tag um dieselbe Zeit eine bestimmte Pizza aus einem Geschäft, das eineinhalb Stunden vom Wohnort entfernt ist – etwas anderes kann sie abends nicht zu sich nehmen. Was wie Extravaganz aussieht, ist eine Zwangsstörung, die sich bei Betroffenen und Angehörigen zur Tragödie auswachsen kann. Eileens Eltern befürchten, dass ihre Tochter verhungern könnte.

Zwischen drei und vier Prozent der deutschen Bevölkerung erkranken einmal im Leben an einer Zwangsstörung. Diese Menschen wissen, dass ihre Handlungen sinnlos, oft sogar schädlich sind, können aber ihren Impuls, die Handlungen dennoch auszuüben, nicht unterdrücken. Zwangserkrankte Menschen fallen selten auf, weil sie ihre Wohnung kaum verlassen (können), oder weil sich das zwanghafte Verhalten nur auf die eigenen vier Wände bezieht.

Kein Wunder also, dass Zwangserkrankungen bis Mitte der 1990er-Jahre so gut wie unbekannt waren. Noch heute kann es bis zu zehn Jahre dauern, bis diese Krankheit diagnostiziert wird. Auch Eileen konnte bislang nicht geheilt werden, obwohl ihre Eltern früh erkannten, dass sie ein besonderer Mensch ist.

„Jetzt weiß ich es besser.“

Das Gesicht der Frau mir gegenüber erhellt sich, als sie sich erinnert, wie sehr sich ihre Tochter im Kindergartenalter über neue Kleidung freute und wie ordentlich sie alles behandelte. „Jetzt weiß ich es besser“, fährt die Dame traurig fort. Damals hätte sie sich gefreut, als ihre Tochter den Sitzplatz der Oma gegen einen unachtsamen Besucher verteidigte: „Das ist Omas Sessel!“.

Als Eileen allerdings mit neun Jahren beschloss, sich im Gang umzuziehen, damit die Straßenkleider nicht die Wohnung beschmutzten, suchen die Eltern Hilfe. „Ein Tic, das legt sich von selbst“, versicherten ihr Freunde und Nachbarn. Auch die zurate gezogenen Fachleute beruhigten: „Kinder sind sich ihrer Selbstwirksamkeit noch nicht bewusst“. Eileens befremdliches Verhalten sei eine „völlig normale Stressreaktion“.

Noch heute gelten Zwangshandlungen von Kindern unter elf Jahren als harmloses Symptom der Angst- oder Stressbewältigung. „Bedenklich“ sei nur, so die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen, „wenn das Kind einen übermäßig bedrückten Eindruck macht, sich von seinen Freunden und der Familie zurückzieht, stundenlang mit scheinbar unsinnigen Handlungen beschäftigt und insgesamt nicht mehr zugänglich“ sei.

Eileen ging gerne zur Schule, schrieb gute Noten und pflegte intensive Freundschaften. Als sie zwölf Jahre alt wurde, legte sich der Umkleidewahn tatsächlich. Doch Eileen benahm sich deshalb nicht weniger seltsam: Nun schien Nahrung gefährlich zu sein, Verpackungen kontaminiert, das sich darin befindliche Essen vergiftet.

Eileen bekam eine Spieltherapie verschrieben. Trotzdem blieb sie morgens immer häufiger zuhause, denn wenn sie nach der Schule nach Hause kam, war sie sich nie sicher, ob sich ihre Familie an die Sicherheitsvorschriften gehalten hat: Zwei Mal hatte sie bereits die Verpackung eines Schokoriegels im Müll gefunden. Tagelang konnte sie keinen Bissen herunterbringen.

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Aus der Zeitschrift Psych. Pflege Heute 6/2015

 

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