Fernsehen bildet

Oder auch nicht.

Gegen Ende des vergangenen Jahres war ich krank. Es war weder eine Grippe noch Magen-Darm. Nein, ich war mal so richtig krank. Ich lag im Krankenhaus, wurde operiert und hatte eine, für mein subjektives Empfinden jedenfalls, schwierige und ziemlich lange Rekonvaleszenz, die ich zu Hause auf meinem Sofa durchleben durfte. Ich will kein Mitleid erregen. Jetzt ist es ja überstanden und mir geht es wieder richtig gut. Sicherlich geben meine Erfahrungen als Patient auch viel Stoff für eine Kolumne her. Darüber aber vielleicht ein anderes Mal. Heute will ich über meine erstaunlichen Erfahrungen mit und mein dadurch leicht gestörtes Verhältnis zu meinem Fernsehgerät berichten. Natürlich ist mir klar, dass das Gerät an sich gar nichts dafür kann. Aber irgendjemand oder irgendwas muss als Opfer meines Zornes herhalten.

Taff wie ich nun mal bin, habe ich mich schon am vierten postoperativen Tag entlassen lassen. Ich dachte, rumliegen könne ich auch zu Hause und es dabei noch schöner haben als in einem Krankenhaus. In meiner Wohnung, auf meinem Sofa, mit meinen Büchern, meinem Laptop, meiner Musik und meinem Fernseher. Wie so oft im Leben: Die Idee war ganz gut, nur bei der Umsetzung haperte es gewaltig.

Da lag ich nun. Anfänglich ging es mit der Beschäftigung ganz gut. Ich hatte mit mir und meiner Immobilität genug zu tun. Habe viel geschlafen, gelesen, ein bisschen geschrieben oder ferngesehen. Dennoch habe ich bald festgestellt, wie lang ein Tag sein kann. Irgendwann mochte ich nicht einmal mehr lesen. Für anspruchsvolle Literatur war ich nicht sehr empfänglich und leichte Belletristik langweilte mich zu Tode. Auch das World Wide Web erschöpfte sich irgendwann und mein Sinn nach Musik war sehr wechselhaft. Was blieb? Das Fernsehen. Immerhin verfüge ich über gefühlt 300 verschiedene Programme. Damit sollte ich doch über einen längeren Zeitraum über die Runden kommen.

Schon am Morgen ging es mit diversen Frühstücksfernsehformaten los. Ich hangelte mich von den Privaten zu den Öffentlich-Rechtlichen und zurück und wurde alle halbe Stunde mit den Nachrichten aus aller Welt bedient, inklusive Sport und Wetter. Das ging eine ganze Weile gut, bis ich feststellen sollte, dass sich der Inhalt der einzelnen Magazine im Stundentakt wiederholte. Gegen 10 Uhr war ich damit dann meist durch. Ich wusste nun, was in der Welt passiert, wie das Wetter wird, hatte sinnvolle und sinnlose Ratschläge für mich und mein Leben bekommen und war auch über die Reichen und Schönen voll im Bild. Ab 10 Uhr sind sich dann alle Sender dieses Landes sehr einig: Es beginnt die Zeit der Wiederholungen der Wiederholungen. Wenn ich mich sehr geschickt mit meinem Zeitmanagement anstellte, konnte ich mich bis in den späten Nachmittag an Krankenhausserien entlanghangeln. Von „Emergency Room“ – am Vormittag übrigens noch mit George Clooney als rebellischer Assistenzarzt – zu „Grey’s Anatomy“, dann zu der 385. Folge „In aller Freundschaft“, gefolgt vom „Bergdoktor“. Danach sollte ich mich etwas beeilen. Wollte ich doch nicht „Scrubs, die Anfänger“ verpassen. Dann entsteht zugegebenermaßen eine kleine Krankenhauslücke. Dafür wird in den meisten Programmen dann aber gekocht oder gar geheiratet. 

 

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