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Wider die Abwertung der eigentlichen Pflege

Wenn es im Jahre 2015, nach mehr als 60 Jahren der Etablierung von Pflegewissenschaft im internationalen Raum und nach über 20 Jahren der Akademisierung der Pflege, auch hierzulande notwendig erscheint, einen Beitrag über das Eigentliche der Pflege zu publizieren, scheint etwas Grundsätzliches in der Pflege nicht in Ordnung zu sein. Der Autor, selbst seit mehr als 30 Jahren Teil der „Pflegeszene“ in vielen verschiedenen Handlungsfeldern, verspürt ein so großes Unbehagen und fragt sich: Wo bleibt eigentlich die Achtung vor der „Grundpflege“?

Dabei könnte man ja durchaus geneigt sein, die derzeitigen Entwicklungen in der Pflege als Schritte in die richtige Richtung zu bewerten: die längst überfällige Zusammenführung der drei grundständigen Ausbildungsgänge der Pflege, die akademische Qualifizierung von Pflegeexperten für diverse Praxisfelder der Pflege, die Bemühungen um eine Entbürokratisierung der Pflegedokumentation. Die entscheidenden Veränderungen werden aber bisher nicht vollzogen: die Aufwertung und Anerkennung der originären Pflegearbeit und das Festschreiben von autonomen Handlungsspielräumen für die professionell Pflegenden. Das heißt konkret: die Schaffung eines arztfreien Raums auch im Krankenhaus. Das wären die Grundlagen für ein neues Verständnis von professionellem Pflegehandeln. Wir erleben aber gerade Entwicklungen, die in eine andere Richtung zielen. Der Kostendruck, absehbare Versorgungsengpässe und eine desintegrierte Versorgungspraxis im Gesundheitswesen führen zu Überlegungen einer neuen Arbeitsteilung im Gesundheitswesen. Pflegende übernehmen neue Aufgaben, insbesondere die Steuerung von Prozessen und ausgewählte ärztliche Aufgaben. Das kann grundsätzlich durchaus in einigen Bereichen sinnvoll sein. Problematisch wird es da, wo die originären Aufgaben der Pflege vernachlässigt werden und die patientenfernen Tätigkeiten mehr Gewicht bekommen als die direkte „Pflege am Bett“. Das Berufsbild der Advanced Nursing Practice (ANP) und Spezialisierungen wie „Nurse Practitioner“ bergen die große Gefahr, dass administrative, medizintechnische und Managementaufgaben einen vermeintlich höheren Status erhalten. Höher qualifizierte Pflegende arbeiten dann eher patientenfern und vermeiden „profane work“ und „dirty work“. „The primary point of reference for the nurse practitioner is arguably not truly nursing […] but, instead, medicine and economics […]. Medicine and economics, not nursing ideals, remain the ,gold standard‘ against which the nurse practitioner is promoted and judged.” Dass diese Szenarien auch den deutschsprachigen Raum betreffen, soll an nur zwei aktuellen Beispielen verdeutlicht werden.

Aktuelle Anlässe
In einer Ausgabe der Zeitschrift „Altenheim“ ist eine kleine Notiz erschienen über ein „Neues Ausbildungsmodell für Pflegeberufe in Österreich“. Einleitend dazu die Notiz: „Diplomiertes Personal soll nicht mehr für Hilfsdienste eingesetzt werden.“ Im Text heißt es dann weiter: „Statt zwei Säulen wird es in Zukunft drei geben: Pflegehelfer, diplomiertes Personal und nun auch sogenannte Pflegeassistenten. Sie sollen sich um die Pflege am Bett kümmern.“ Die Pflege am Bett – also so zentrale Aufgaben wie Körperpflege, Mobilisation, Essen anreichen, Gespräche führen, aber auch zuhören, sich auf den anderen einlassen, trösten, einfach da sein –, die eingewoben ist in die diversen Handlungsbögen pflegerischer Arbeit, wird herunterdelegiert, damit die auf Fachhochschulniveau qualifizierten diplomierten Pflegenden Zeit haben für die Arbeiten fern vom Bett.

Und in Deutschland? Wir haben gerade den Abschlussbericht des Bundesministeriums für Gesundheit zum Projekt „Praktische Anwendung des Strukturmodells – Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation in der ambulanten und stationären Langzeitpflege“ vorliegen. Dieses begrüßenswerte und von vielen in der Pflege seit Langem erwartete Vorhaben enthält auch die Anlage 6, eine Stellungnahme einer juristischen Expertengruppe zum notwendigen Umfang der Pflegedokumentation. Diskutiert wird die Fragestellung mit Pflegewissenschaftlern und weiteren einschlägigen Expertinnen und Experten. In der Stellungnahme wird immer noch an der veralteten Aufteilung der Pflege in „Grund- und Behandlungspflege“ festgehalten und dargelegt, dass „Grundpflege“ als „wiederkehrende Routinemaßnahmen im Versorgungsablauf“ lediglich nur „einmal in Form einer (übergeordneten) Leistungsbeschreibung schriftlich niedergelegt und die Durchführung der Maßnahmen“ beschrieben werden soll, damit diese Maßnahmen nicht mehr täglich oder schichtbezogen dokumentiert werden müssen. „Ausnahme: Abweichungen von dieser Pflegeplanung müssen selbstverständlich dokumentiert werden. Etwas anderes gilt bei der Behandlungspflege.“ Hier wird es für notwendig erachtet, eine fortlaufende Abzeichnung der durchführenden Person festzuhalten. Nichts gegen weniger Bürokratie, aber die Begründung zeigt eine fest verwurzelte und überholte Vorstellung des Stellenwerts der sogenannten „Grundpflege“.

Die Ausführungen zeugen von einer Ignoranz und/oder Unkenntnis der Erkenntnisse aus der Pflegewissenschaft der letzten Jahrzehnte. Auch wenn die Begriffe „Grund- und Behandlungspflege“ in juristischen Kreisen und in den Gesetzestexten (SGB V und SGB XI) einen scheinbar festgeschriebenen Platz einnehmen, so verwundert doch die kritiklose und unkommentierte heutige Verwendung dieser unsäglichen Begrifflichkeiten und deren immer noch verzerrte Interpretation und Bewertung.

Lesen Sie den gesamten Artikel Wider die Abwertung der eigentlichen Pflege.

Aus der Zeitschrift intensiv 4/2015


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