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Herzensangelegenheit

Für Harald Breimer ist es eine Herzensangelegenheit, die unterschiedlichen, teils bizarren Weltbilder der Patienten seiner Station zu erleben. Für ihn ist das so, wie in fremde Kulturen einzutauchen, ihre Regeln und Werte zu erforschen. Manchmal sagt er, die Arbeit auf einer psychiatrischen Akutstation sei wie Reisen in fremde, exotische Länder. Täglich gäbe es Neues und Interessantes zu entdecken. Und er sagt auch: „Wenn die Patienten spüren, dass ich mich für ihre Sicht der Dinge interessiere, wenn ich den „Fährten ihrer Erzählungen“ folge, dann finden wir schnell eine gemeinsame Basis für eine gute Zusammenarbeit“.

Harald ist auch Mentor für die Krankenpflegeschülerinnen und Schüler, die regelmäßig Einsätze auf der Station haben. Es liegt ihm besonders am Herzen, ihnen diesen Aspekt der psychiatrischen Pflege zu vermitteln. Für Harald liegt hier ein wesentlicher Unterschied zwischen der Pflege in somatischen Bereichen und in der Psychiatrie. „Hier kann ich den Therapieprozess aktiv mitgestalten, und ich erlebe, wie es wirkt. Das hat eine völlig andere Qualität, als ärztliche Anordnungen auszuführen.“ Schülerin Marlen ist seit etwa einer Woche auf der Station im Einsatz, Harald ist ihr Mentor. Er hat ihr erzählt, dass die sprachlichen Inhalte der Patienten oftmals Bilder, Umschreibungen seien, die den Kern des Problems nur umkreisen, weil der Kern zu sehr schmerzt. Gute psychiatrische Pflege sei nicht nur ein sprechendes, sondern auch ein verstehendes Fach.

Marlen hat sehr interessiert mit Harald darüber diskutiert, nachgefragt und war dann sehr erfreut, dass sie erstmalig an einem ärztlichen Aufnahmegespräch teilnehmen durfte:

Ein junger Mann, der im Hausflur seiner Wohnung eine Nachbarin sexuell bedrängt hatte, war notfallmäßig zur Aufnahme gekommen. Die von Mitbewohnern gerufene Polizei brachte ihn in die Klinik, da er völlig wirre Aussagen zu dem Vorfall machte, und sie vermuteten, er leide an einem Liebeswahn. Der aus Osteuropa stammende - und mit der deutschen Sprache nicht wirklich vertraute - Stationsarzt befragte den Patienten zu den Aufnahmeumständen und dazu, warum er die Nachbarin bedrängt habe. Der junge Mann erklärte aufgeregt, dass die Frau ihm „voll das Herz gebrochen“ habe. Der Stationsarzt horchte auf, um dann väterlich beschwichtigend zu sagen:

„Oh! Herz, kein Problem, hier in Krankenhaus wir haben auch EKG“.

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

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