• Thomas Stephan

     

Hygienische Händedesinfektion in Personalbedarfsberechnung

Inwiefern wird der Zeitaufwand für die hygienische Händedesinfektion bei der Berechnung des Personalbedarfs im Krankenhaus berücksichtigt?

CNE.experte Franz Sitzmann antwortet:
Wir dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Compliance bei der Händedesinfektion in Kliniken seit vielen Jahren bei sehr variablen Werten um 40 % verharren (Scheithauer, 2010). In einer vor kurzem veröffentlichten Arbeit (Schwadtke, 2014) wird dargestellt, dass sich wohl während der „Aktion saubere Hände“ die Händedesinfektions-Compliance der Ärzte und Pflegenden zunächst zwar deutlich verbesserte, diese Entwicklung jedoch (bisher) nicht nachhaltig war. Es besteht sicher ein verstärkter Bedarf an Interventionen, die nicht nur die Motivation, sondern auch ihre Umsetzung in dauerhaft leitliniengerechtes Verhalten fördern.
Vordergründige Argumente können u. a. in einer unzureichenden Ausstattung einer Klinik mit Desinfektionsmittelspendern, mangelndem Feedback, unzureichender Verstärkung durch Vorgesetzte liegen.
Bedingt durch die steigende Arbeitsbelastung – insbesondere auf Intensivpflegestationen – stößt die Umsetzung geforderter Empfehlungen jedoch an ihre Grenzen. Unter der politisch gewollten Ökonomisierung des Gesundheitswesens mit DRG und ständig aufeinander folgenden Aufenthalten im Krankenhaus wurde auf eine enorme Ausweitung der Fallzahlen in den Krankenhäusern gedrängt. Zusätzlich erfolgte in den Kliniken in den letzten Jahren, insbesondere im Pflegebereich ein enormer Abbau von Stellen.
So ist das Ergebnis, dass die Arbeitsverdichtung von immer weniger Mitarbeitern geschultert werden muss. Das wirkt sich selbstverständlich in der patientenorientierten Pflege und in der Hygiene aus und daraus resultiert ein erheblicher Mangel, insbesondere der Händedesinfektion.
Selbstverständlich ist es richtig, dass desinfizierte Hände vor Infektionen schützen, daneben muss es aber auch heißen: Genügend qualifizierte Hände schützen auch!
Auf einer deutschen operativen Intensivstation wären pro Patiententag beinahe 200 Händedesinfektionsvorgänge erforderlich; die überwiegende Zahl der Indikationen (ca. 150) liegt bei den Pflegenden. Bei einem oft realistischen Verhältnis Pflegender zu Patient von 1:3, liegt man rechnerisch bei ca. 150 Händedesinfektionsvorgängen pro Arbeitsschicht. Bei einer Einwirkzeit von 30 Sekunden würde das einem Arbeitszeitanteil von 75 Minuten bedeuten, in einer Dienstschicht!
Um eine realistische Steigerung der Gesamtcompliance zu erreichen, sollte zunächst Wert gelegt werden auf eine Fokussierung der Indikationen mit dem größten Potenzial zur Vermeidung nosokomialer Infektionen. Daneben gehört aber zur Intensivierung der Händedesinfektion eine bessere Ausstattung mit qualifizierten und ausreichenden Mitarbeitern.

Fazit:
Selbstverständlich ist eine infektionspräventive Häufigkeit von Händedesinfektionsvorgängen während des Pflegeprozesses bei der Berechnung des Personalbedarfs im Krankenhaus berücksichtigt. Die ungenügende Bereitstellung von qualifizierten Mitarbeitern beeinflusst daher alle relevanten Bemühungen um eine adäquate Infektionsprävention. Diese Tatsache wird in der Fachdiskussion, aber auch in der Medienberichterstattung überwiegend sehr unterkomplex dargestellt. Erforderlich sind dazu politische Entscheidungen mit ökonomischer Schwerpunktsetzung (Sitzmann, 2014).

Literatur:
• Scheithauer S, Schwanz T, Lemmen S. Händehygiene – einfach, aber nicht trivial. Krankenh hyg up2date 2010; 5: 81 – 91
• Schwadtke, L. et al. Hygienische Händedesinfektion – Leitlinien-Compliance auf Intensivstationen eines Universitätsklinikums mit chirurgischem Schwerpunkt. Dtsch Med Wochenschr 02014; 1390: 1341–1345
• Sitzmann, F. Sauber bleiben? Facetten zur Händehygiene. In: Georg, J.: HUBER Pflegekalender – Pflege 2015. Verlag Hans Huber, Bern (2014)
• Sitzmann, F. „Mani pulite*“: Wie, Wann und Warum? Online abrufbar unter: www.klinik-hygiene.de (zuletzt geprüft am 03.12.2014)