• Kommunikation in der stationären Aktupsychiatrie - Psych.Pflege Heute 2-11

    Es gilt einfach als Zeichen von Professionalität, sich am Arbeitsplatz auschließlich innerhalb der beruflich Rolle zu bewegen.

     
  • Beobachtungen zum fokussierten Interagieren

    Für Belohnungen waren die Patienten selbst zuständig, die Verhängung und der Vollzug von Strafen oblagen dagegen den Behandlern.

     
  • Wie funktioniert Kommunikation - Psych.Pflege Heute 2-11

    Die Patienten erhalten genau die Informationen, die erforderlich sind, um sie möglichst nahtlos in die Klinikroutine einzupassen.

     

"Ich habe mir überlegt, was Ihnen wohl am meisten weh tut"

Kommunikation in der stationären Akutpsychiatrie

Wenn eine Sprachwissenschaftlerin, die einige Monate in einer psychiatrischen Akutklinik verbracht hat, mit einem Pflegewissenschaftler über Kommunikation in der Psychiatrie redet, ist das spannend. So spannend, dass es lohnt, ein breiteres Publikum mit einzubeziehen. Mit einer kritisch-konstruktiven Analyse möchten wir zu einer Diskussion darüber anregen, welche Botschaften professionelle Pflegekräfte direkt und indirekt an Patienten vermitteln und welche Haltungen sich dahinter verbergen. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen, welche die Erstautorin als Patientin gemacht hat. Um diese systematisch und wissenschaftlich fundiert auswerten zu können, nutzen wir Modelle und Methoden aus der Kommunikationssoziologie. Zudem wird an einzelnen Stellen auf Parallelen zur Pflegewissenschaft Bezug genommen. Für eher wissenschaftsferne Leserinnen und Leser mag die alleinige Lektüre der „Beobachtungen aus der Akutpsychiatrie” im zweiten Teil dieses Beitrags (ab Seite 89) genügen, denn hier geht es um den konkreten Praxisbezug. Wer jedoch an der theoretischen Fundierung pflegerischen Handelns interessiert ist, dem sei der gesamte Aufsatz empfohlen.

Nicht auf Sand gebaut - der wissenschaftliche Hintergrund
Den theoretischen Hintergrund der folgenden Ausführungen bildet das Konzept der Kontextualisierung. Dieser sozialkonstruktivistische Ansatz befasst sich mit der Frage, wie durch Kommunikation Wirklichkeit geschaffen und verändert wird. Der Begriff der Kontextualisierung wurde von Jenny Cook-Gumperz und John Gumperz [[5]] geprägt. Zentral ist die Annahme, dass Kontext und Kommunikation einander wechselseitig beeinflussen: Einerseits prägen die jeweiligen sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen den Sprachgebrauch. Zugleich werden Strukturen und Normen einer Gesellschaft aber durch Kommunikation überhaupt erst geschaffen und aufrecht erhalten. Was dies auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet, ist Gegenstand der Ethnografie der Kommunikation vgl. [[13]]. John Gumperz [[12]] dagegen bezieht sich in seiner interaktionalen Soziolinguistik auf einzelne, konkrete Kommunikationssituationen. Auch hier gilt demnach: Der Kontext ist keine feststehende äußere Einflussgröße, sondern er wird interaktiv produziert.

Zur Veranschaulichung sei auf ein zufälliges Treffen zwischen einem Arzt und einem Patienten auf dem Klinikflur verwiesen. Zwar haben beide Gesprächspartner gesellschaftlich definierte Rollen inne, doch ob sie in der aktuellen Situation innerhalb dieser Rollen agieren, entscheiden sie selbst. So ist vorstellbar, dass der Arzt - entsprechend der Rolle „Arzt” - eine professionelle Befindensfrage stellt, etwa die, ob der Patient ein bestimmtes Medikament inzwischen besser vertrage. Er kann aber auch mit der Frage „Na, was tippen Sie denn für heute Abend?” auf ein anstehendes Fußball-Länderspiel Bezug nehmen. Wenn der Patient einen Tipp abgibt und dann seinerseits den Arzt nach seiner Vorhersage fragt, agieren beide in der Rolle als „Fußball-Interessierte”, die nicht hierarchisch strukturiert ist.

Dass die letztgenannte Variante in der Praxis äußerst selten anzutreffen ist, dürfte zwei Gründe haben: Zum einen gilt es bis heute vielfach als Zeichen von Professionalität, wenn Mitarbeitende in Gesundheitsberufen sich am Arbeitsplatz ausschließlich innerhalb ihrer beruflichen Rolle bewegen. Der zweite Grund dafür, dass Kommunikationsmuster außerhalb der Rollen „Arzt” und „Patient” bzw. „Pflegekraft” und „Patient” in Kliniken kaum vorkommen, liegt sicherlich darin, dass das dafür notwendige Wissen über den Gesprächspartner gar nicht vorhanden ist. Gerade in der Psychiatrie fehlen damit jedoch Anknüpfungspunkte nicht nur für Alltagskommunikation, sondern auch für ein tieferes Verständnis des Gegenübers und für individuelle therapeutische Strategien. Denn was einen Menschen wirklich bewegt, was ihm wichtig ist, was seinen ganz persönlichen Lebenssinn ausmacht, lässt sich eben nur im persönlichen Gespräch erfahren und erspüren. Das aber ist außerhalb klassischer Rollenmuster wesentlich einfacher, vielleicht sogar überhaupt erst möglich. Alltagskommunikation, auch wenn sie zunächst nur ganz oberflächlich sein mag wie im genannten Beispiel, kann hier als wesentlicher „Türöffner” wirken.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel zur Kommunikation in der stationären Akutpsychiatrie

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

EUR [D] 67,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Newsletter Pflege