• Kleines Experiment

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Ein kleines Experiment

Ich bin ja bekanntlich die, die kein Handy besitzt. Es ist nicht so, dass ich damit kokettiere. Nein, es ist einfach so und ich sehe nicht ein, dass ich auch so ein Haushaltsgerät haben muss, nur weil alle eins haben. Und siehe da, es geht nun auch schon viele Jahre ohne.

Dennoch bin ich ja stets auf dem Laufenden und gerade durch meinen Sohn oder meine jungen Kollegen immer auf dem neuesten Stand der Technik. Ob ich nun will oder nicht. Daher weiß ich durchaus, dass man mit einem Handy viel mehr machen kann als schnöde zu telefonieren. Mein Sohn behauptet sogar, dass sein neuestes Smartphone alles kann, außer bügeln. So sind mir auch Apps nicht fremd, und bis zu einem bestimmtem Grad bin auch von deren Sinnhaftigkeit und Nutzen überzeugt. Die Wetter-App finde ich ganz gut, Nachrichten, meinetwegen Fernseh- und Kinovorschau, Kalender, Fotografieren – und viele von den anderen Bequemlichkeiten-Apps, die den Alltag erleichtern.

Wozu man eine App braucht, auf der man virtuelle Kerzen ausbläst oder Küssen lernt, erschließt sich mir allerdings nicht ganz. Es gibt sogar eine App, die einem wichtige Entscheidungen abnimmt. Wenn ich mich zum Beispiel nicht entscheiden kann, ob ich zum Friseur gehen soll oder nicht, dann könnte ich das Handy fragen, und dieses sagt mir dann, ob „ja“ oder „nein“ (wozu wir früher „Schnick, Schnack, Schnuck“ genutzt haben). Das habe ich aber auch nur im Internet gelesen und würde doch schon sehr an dem Handybesitzer zweifeln, bei dem ich so eine Entscheidungsfindung beobachten würde. Allergrößter Wahrscheinlichkeit nach gehöre ich auch nicht zur Zielgruppe der App-Entwickler. Oder heißen sie Programmierer? Ich weiß es nicht. Habe aber auch schon gehört, dass pfiffige Menschen durchaus stinkreich mit der Entwicklung irgendwelcher Apps werden können. Hätte ich nur etwas Ordentliches gelernt!

In der letzten Woche nun hatte eine Kollegin von mir eine neue App auf ihrem Handy, die auch mich sehr interessierte. Sie kann, indem sie ihr Handy den ganzen Tag mit sich herumträgt, ihre absolvierten Schritte, die geschafften Meter bzw. Kilometer und die verbrauchte Energie zählen. Das war schon spannend. Wäre ich mal gefragt worden, wie viele Schritte ich während eines normalen Frühdiensts mache und wie viele Meter ich absolviere – ich hätte voll danebengelegen. Mein Tipp hätte so etwa bei 3.000 Schritten gelegen.

Wir haben also ein Experiment gestartet. Und zwar an einem durchschnittlichen und an einem stressigen Frühdienst auf Station und an einem freien Tag. Zur Erklärung sollte ich noch erwähnen, dass wir eine sehr kleine Station sind. Ich schätze, dass unser Flur etwa 20 Meter lang ist – wobei es, wie ich lernen musste, mit meiner Schätzerei nicht so dolle ist. Auf jeden Fall sind es sieben Patientenzimmer, ein Verbandsraum, ein Stützpunkt und ein Aufenthaltsraum. An diesen Frühdiensten waren wir zu dritt, es musste also nicht eine Person alles allein ablaufen.

Dann kamen die Ergebnisse: An dem ruhigen, durchschnittlich und auch normal besetzten Dienst kam meine Kollegin auf sage und schreibe 9.283 Schritte und eine absolvierte Strecke von 5,96 Kilometern. Zwei Tage später – ein wirklich arbeitsreicher Dienst – waren es dann schon 12.416 Schritte und eine Strecke von 7,98 Kilometern. Ich war einigermaßen baff.

Sehr enttäuschend dagegen war die verbrannte Energie. Angeblich waren es am ruhigen Tag nur ganze 188 kcal und am arbeitsreichen nur 248 kcal. Ich gehe fest davon aus, dass sich die App mehr als getäuscht hat. Kann ja mal passieren. Schließlich hat meine Frühstückssemmel schon um die 100 kcal – und auch nur, wenn ich sie ohne alles esse. Von Wurst, Käse oder Marmelade ganz zu schweigen.

Interessant war, dass meine Kollegin an ihrem ersten freien Tag insgesamt 3.352 Schritte und damit nur 2,09 km geschafft und gewissermaßen gar keine Kalorien verbrannt hat. Sie hatte an diesem Tag nur eine sehr kurze aktive Phase und da war sie – wie sie mir später erklärte – beim Bäcker. Mehr war an diesem Tag nicht drin. Sie war zu kaputt. Ja, ist es denn ein Wunder? Jetzt weiß auch ich, warum mir ständig und immer meine Beine so wehtun. Und das, obwohl ich die guten und teuren Birkenstock mit Fußbett und allen Schikanen trage.

Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, welche Strecken unsere Kollegen auf den großen Stationen oder die vom Hol-und-Bringe-Dienst täglich so schaffen. Das nimmt wahrscheinlich schon sportliche Ausmaße an. Tägliche Halbmarathons um die 21 km, allerdings in etwa acht Stunden zu laufen. Leider gibt es in einem Krankenhaus keinen Sieger, der ein Band durchläuft und eine Medaille oder zumindest eine Teilnehmerurkunde bekommt.

Zum täglichen Lauf- und Bewegungspensum kommt ja bei jedem von uns noch einiges vor und nach der Arbeit dazu. Ich zum Beispiel laufe an jedem Tag noch mindesten zwei Stunden mit meiner Hündin durch die Gegend. Und es ist eine junge Hündin, der es nicht reicht, kurz mal auf die Wiese vor dem Haus gelassen zu werden. Sie will schon bewegt und gescheucht werden. Oder scheucht sie mich durch die Gegend?

Mein Fazit ist: Bewegung habe ich genug, und ein schlechtes Gewissen, weil ich eventuell zu wenig Sport treibe, ist völlig unnötig. Dennoch möchte ich keinen „Nine to Five“-Bürojob haben. Obwohl es für diese Berufe bestimmt auch eine App gibt, die irgendwas misst, was dann auch wieder besonders ist.

In diesem Sinne,

Heidi Günther

Aus der Zeitschrift JuKiP 4/15

 

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