Langzeitverlauf nach überstandener nosokomialer Infektion

Wie geht es Patienten, die nach erfolgreich behandelter Sepsis oder Pneumonie aus dem Krankenhaus entlassen werden, langfristig? Können sie ihr altes Leben ungehindert wieder aufnehmen? Eine US-amerikanische Studie hat erstmals Krankenkassen-Abrechnungen unter die Lupe genommen und herausgefunden: Das Leben nach einer Infektion ist erheblich beeinträchtigt.

Die bakterielle Sepsis und die nosokomiale Pneumonie gehören in den Industrienationen zu den häufigsten Komplikationen einer intensivmedizinischen Behandlung. Aus Daten vieler Schwerpunkt- und Maximalversorgungshäuser ist bekannt, dass die Mortalität einer nosokomialen Pneumonie je nach Alter und Vorerkrankungen bis zu 12 % betragen kann. Kommt es zu einer bakteriellen Sepsis, so steigt das Mortalitätsrisiko auf bis zu 30 %. Bisher nahm man an, dass die Patienten nach der erfolgreichen Behandlung einer Sepsis oder Pneumonie ihr normales Leben wieder aufnehmen und ohne Beeinträchtigungen fortsetzen können. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Lebensqualität und zum Langzeitverlauf nach überstandener nosokomialer Infektion gab es jedoch nicht.

In einer Untersuchung der Columbia-Universität in New York wurde jetzt anhand von Abrechnungsdaten der Krankenkassen erstmals geprüft, wie sich der weitere Verlauf der Patienten nach der Entlassung aus der Klinik gestaltet.

Methodik der Studie

Einbezogen wurden die Daten von 51 Intensivstationen von 34 Krankenhäusern aus verschiedenen US-Bundesstaaten. Bei der Mehrzahl der Häuser handelte es sich um große Kliniken (mittlere Bettenzahl 360). 24 (71 %) der Krankenhäuser waren akademische Lehrkrankenhäuser. Die Studie verwendete Abrechnungsdaten der Krankenkasse Medicare, die in den USA die Krankheitskosten für Rentner übernimmt. Dementsprechend lag das durchschnittliche Alter der Patienten erwartungsgemäß im mittleren Rentenalter, nämlich bei 74 Jahren. Insgesamt wurden von Medicare und von den Krankenhäusern die Abrechnungsdaten und klinischen Unterlagen von 17.537 Patienten zur Verfügung gestellt. Bei 14.894 Patienten war während des klinischen Verlaufs keine nosokomiale Infektion aufgetreten. 1.802 Patienten hatten eine Pneumonie entwickelt, 1.062 eine Sepsis, 52 eine Beatmungspneumonie und 42 eine Venenkatheter-assoziierte Sepsis. Die Daten zu den Infektionen wurden auf den Intensivstationen von Hygienefachkräften nach den Kriterien der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erhoben.


Verlauf nach der Entlassung

Nach der Entlassung aus der Klinik konnten die Patienten über insgesamt 60.554 Personenjahre nachbeobachtet werden. Abbildung 1 zeigt, dass Patienten mit Infektion eine signifikant kürzere Lebenserwartung nach der Entlassung hatten als solche, die in der Klinik infektionsfrei blieben (880 Tage versus 1.246 Tage, p < 0,01). Das Sterberisiko war bei den Patienten mit Sepsis im Vergleich zu Patienten ohne nosokomiale Infektion während des 5-jährigen Nachbeobachtungszeitraums um den Faktor 1,39 erhöht (p < 0,01), für Pneumonie sogar um den Faktor 1,58 (p < 0,01).

  • Langzeitverlauf

    Abb. 1 Mittlere Überlebenszeit der Patienten nach Krankenhausentlassung.

     
Abbildung 2 lässt erkennen, dass von den überlebenden Patienten ein höherer Anteil in Langzeitpflegeeinrichtungen eingewiesen wurde. Patienten mit Sepsis mussten im ersten Jahr der Entlassung 1,28-fach häufiger eine Notaufnahme aufsuchen als Patienten ohne Infektion (p < 0,01). Gleiches galt für Patienten mit Pneumonie (Risiko um Faktor 1,29 erhöht; p < 0,01). Eine pflegerische Betreuung zu Hause war bei Patienten, die eine Sepsis überlebt hatten, zwischen dem 2. und 5. Jahr nach der Entlassung etwa doppelt so häufig erforderlich wie bei Patienten ohne Infektion (p = 0,01–0,05). Bei Patienten, die eine Pneumonie überlebt hatten, war eine pflegerische Betreuung um den Faktor 1,5 häufiger erforderlich, dieser Unterschied erreichte allerdings nur im dritten Jahr nach der Krankenhausentlassung Signifikanz (p = 0,01).
  • Langzeitverlauf

    Abb. 2 Prozentsatz der Patienten, die in ein Pflegeheim eingewiesen wurden (Mittelwert).

     

Interpretation

Insgesamt zeigte die Studie, dass Patienten, die eine Sepsis oder Pneumonie auf der Intensivstation überlebt haben und in ihr häusliches Leben zurückkehren, keineswegs ein normales Leben wie vor der Infektion weiterführen können.

Im Vergleich zu gleich alten Patienten ohne krankenhauserworbene Infektion war das langfristige Überleben deutlich verkürzt. Das Sterberisiko in den folgenden fünf Jahren war ca. 1,4–1,6-fach erhöht. Gesundheitseinrichtungen (Notaufnahme, Pflegeheim) sowie ambulante Pflegeleistungen wurden häufiger in Anspruch genommen. Die Autoren untersuchten nicht im Einzelnen die Kosten für diese Leistungen. Ebenso wurden subjektive Faktoren der Patienten, z. B. die empfundene Lebensqualität oder die Mobilität, nicht evaluiert. Insgesamt ist jedoch der Schluss berechtigt, dass eine nosokomiale Infektion, die ein Patient auf der Intensivstation erleidet, nicht nur während des Krankenhausaufenthalts mit einem erhöhten Ressourcenverbrauch für das Gesundheitswesen einhergeht, sondern auch noch über mehrere Jahre danach. Die Autoren empfehlen zu Recht, dass Gesundheitspolitiker derartige Daten sammeln und dass die gesundheitspolitischen Vorgaben zur Prävention nosokomialer Infektionen danach ausgerichtet werden sollten.

So wird das Auftreten z. B. einer Venenkatheter-assoziierten Infektion entscheidend davon abhängen, ob die Insertionsstelle unter Wahrung aseptischer Kautelen verbunden wird, ob bei Zuspritzungen in den Katheter die Hände zuvor desinfiziert werden und ob Infusionen im Spritzenraum unter Beachtung peinlicher Asepsis hergestellt bzw. angemischt werden. Die immer stärkere Reduktion von gut ausgebildetem Fachpersonal auf den Stationen und die Absenkung des Personalschlüssels läuft diesen Erfordernissen diametral entgegen. Insofern kommt eine aktuelle Studie auch zur rechten Zeit, um an dieser Stelle einer weiteren Personalreduktion mit wissenschaftlichen Daten entgegenwirken zu können.

Die Autoren der Studie weisen als Einschränkung darauf hin, dass die Belastung des ärztlichen Personals in dieser Untersuchung nicht als Einflussfaktor evaluiert wurde. Weitere Studien werden somit zeigen müssen, ob der Personalschlüssel und die Anwesenheitszeit von Ärzten auf Intensivstationen ebenfalls mit der Rate nosokomialer Infektionen (gegenläufig) korreliert.
Hardy-Thorsten Panknin

Aus der Zeitschrift intensiv 2/2015

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