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Lesen hilft

Bietet ein Intensivtagebuch die Möglichkeit zur Aufarbeitung einer nicht gelebten Zeit? Dieser Frage ist Valentin Hähnel nachgegangen und hat dazu nicht nur die Effekte eines Intensivtagebuchs auf die betroffenen Patienten untersucht. Auch die Bedeutung für Pflegende und Angehörige ist bemerkenswert – und das noch weit nach der Entlassung des Patienten aus der Klinik.

„Universitätsklinikum der Stadt Genf sammelt Tagebücher.“ Diese mögliche Überschrift einer Zeitung hätte mich zuerst stutzen lassen. Wofür benötigt ein Krankenhaus Tagebücher? Im genannten Klinikum wurden zu Studienzwecken zwischen 2003 und 2005 mehr als 60 Tagebücher gesammelt. Diese Tagebücher enthalten von Angehörigen und Pflegenden gemeinsam verfasste Erzählungen und berichten von beatmeten, sedierten Patienten und ihrem Krankheitsgeschehen auf der Intensivstation. Damit untersuchten die Wissenschaftlerinnen Roulin, Hurst und Spirig den Einfluss von Tagebucheinträgen auf die sich nach der Entlassung anschließende psychische Genesung des Patienten. Laut Nydahl „[ist] nach einem Jahr durchschnittlich jeder vierte bis fünfte Intensivpatient von Depressionen, Angst oder einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) betroffen“. Diesen Patienten fällt es schwer, wahnhafte Erlebnisse aus ihrem Intensivaufenthalt zu verarbeiten. Das Ausbleiben von Erinnerungen lässt sie außerdem den Ernst ihrer Lage unterschätzen oder nicht wahrnehmen.

Auch Angehörige sind von diesen psychopathologischen Veränderungen betroffen: „Zwei bis sechs Monate nach der Entlassung des Patienten zeigen viele Angehörige eine PTBS, Angststörungen und Depressionen.“ Aus diesem Grund werden Angehörige ermutigt, Einträge im Intensivtagebuch zu hinterlassen. Ein solches Tagebuch kann den oben genannten Spätfolgen entgegenwirken, indem es den direkt Betroffenen hilft, die unter künstlicher Beatmung und Sedierung verlebte Zeit zu rekonstruieren. Angehörigen kann das Gefühl der Hilflosigkeit genommen und ein Gefühl der Teilhabe an der Behandlung gegeben werden. Bisher fand das Intensivtagebuch seine Anwendung vermehrt in skandinavischen Ländern und in Großbritannien. Doch auch 43 Intensivstationen in Deutschland haben diese Art der psychotherapeutischen Nachsorge implementiert. 

Das veränderte Erleben von Patienten auf Intensivstationen gibt erste Hinweise auf traumatische Ereignisse: Die Betroffenen berichten später von Albträume mit Todesfantasien, erlebten sich selbst an anderen Orten und durchlebten dabei Angst- und Panikzustände. Sie spürten sich in ein tiefes schwarzes Loch fallen oder träumten, sie seien in einem Flugzeug und würden entführt.

Vergleicht man diese Wahrnehmungen mit dem alltäglichen, realen Ablauf auf einer Intensivstation, so kann man nur erahnen, welche Situationen den sedierten, beatmeten Patienten zu seiner Annahme verleitet haben. Das rhythmische Zischen: die Beatmungsmaschine – oder doch hoch oben über den Wolken fliegen? Die Befestigung eines Bands am Hals: die Tracheostomapflege – oder doch ein Würgegriff? Die Erinnerungen entsprechen nicht der Wahrheit, sind jedoch Bestandteil der Wirklichkeit des Patienten. Über diese Empfindungen erinnert sich ein Patient an seinen Aufenthalt auf der Intensivstation.

 

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Aus der Zeitschrift intensiv 04/2017

 

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