• Loch im Leben - Pflege - Thieme Verlag

     

Ein Loch im Leben

Wie erleben kritisch kranke, beatmete Patienten ihren Aufenthalt auf der Intensivstation und wie ergeht es ihnen im weiteren Verlauf? Diese Frage bleibt leider oft unbeantwortet, da Pflegende auf der Intensivstation meist nur den Ausschnitt der schwersten Krankheitsphase erleben.

Es fehlen Rückmeldungen und Informationen darüber, woran sich diese Patienten später erinnern, wie sie ihre Erlebnisse bewerten und verarbeiten und wie sich ihr Gesundheitszustand seit der Entlassung von der Intensivstation verändert hat. Interviews mit Betroffenen geben Aufschluss.

Um die Fragestellung nach dem Erleben des Intensivaufenthalts durch beatmete Patienten zu beantworten, wurde auf der internistischen Intensivstation des Universitätsklinikums Freiburg ein Projektteam aus drei Pflegenden gebildet. Für das Forschungsvorhaben wurde eine qualitative Methode ausgewählt. Zur Datengewinnung wurden Patienten, die mindestens vier Tage beatmet waren, sechs Wochen nach der Entlassung von der Intensivstation an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort besucht und mittels halbstrukturierter Interviews nach ihren Erfahrungen befragt. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring systematisch ausgewertet.

Für einen fortwährenden Lern- und Anpassungsprozess in der Intensivpflege sind Aussagen von Patienten eine wichtige Quelle. Für Entscheidungen in evidenzbasierter Pflege werden neben Wissen aus der Literatur, Informationen aus dem lokalen Kontext und Erfahrungswissen der Pflegenden auch die Erfahrungen der Patienten einbezogen.

Aus den Informationen sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, was während der Zeit auf der Intensivstation als hilfreich und was als weniger hilfreich erlebt wurde und ob diese Patienten während oder nach dem Intensivaufenthalt einen zusätzlichen Informations- oder Betreuungsbedarf haben. Die Darstellung der Patienten über ihre Bewertung des Intensivaufenthalts kann dazu beitragen, die Bedeutung der Intensivbehandlung im jeweiligen Lebenskontext besser zu verstehen. Durch dieses Wissen kann Pflege einfühlsam gestaltet und eine Prioritätensetzung in der täglichen Arbeit erleichtert werden.

Hintergrund

Über zwei Millionen Menschen mussten sich 2014 in Deutschland intensivmedizinisch behandeln lassen, davon waren knapp 400.000 beatmet und damit im künstlichen Koma. Der Grund für die Aufnahme auf einer Intensivstation steht oft im Zusammenhang mit einer lebensbedrohlichen Situation und die Patienten haben wegen der Unvorhersehbarkeit nicht die Möglichkeit, sich auf diese Situation einzustellen.

Zu wenig ist bekannt, welche Faktoren von den Intensivpatienten als Belastung empfunden werden. Es ist wichtig, das Erleben aus Patientensicht zu erforschen, da oft erhebliche Diskrepanzen zwischen der Fremd- und der Selbstwahrnehmung bestehen. Aus Skandinavien und Großbritannien sind qualitative Forschungsarbeiten zum Thema Erleben des Intensivaufenthalts bekannt. Wenig wurde dazu in Deutschland veröffentlicht.

Bekannt ist, dass zwischen 31 und 81 % der Intensivpatienten ein Delir entwickeln, das das Erleben und das Erinnern mitprägen kann. In einer kleinen Studie wurden Symptome von Intensivpatienten während des Aufenthalts mit Durst, Müdigkeit und Unwohlsein oder Angst benannt. Die meisten Studien erfassen die Erfahrung allerdings retrospektiv. In qualitativen Interviews berichten Patienten beispielsweise von Erinnerungslücken, Orientierungsbeeinträchtigungen und Träumen und von Bemühungen, das Erlebte zu rekonstruieren. Die Rekonstruktion der Erlebnisse gelingt ihnen mithilfe von Erzählungen ihrer Angehörigen. Es scheint wichtig zu sein, wie Patienten das Erlebte bewerten und wie sie daraus eine Geschichte zusammenstellen, die für sie einen Sinn ergibt. Es zeigt sich, dass nicht die tatsächlich erinnerten Erlebnisse eine entscheidende Rolle spielen, sondern die persönliche Bedeutungszumessung der Erfahrungen im Lebenskontext ausschlaggebend ist.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Ein Loch im Leben

Aus der Zeitschrift intensiv 03/2017

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