MTPS - Wer braucht sie noch?

Ende März 2013 ging die S3-Leitlinie Thromboseprophylaxe in Revision. Wir sprachen mit dem Angiologen Prof. Dr. med. Knut Kröger über die Bedeutung der Medizinischen Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS) und deren Zukunft.

Herr Prof. Kröger, was wird an der Leitlinie Thromboseprophylaxe kritisiert?

Die S3-Leitlinie soll hochwissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Evidenzbasierte Daten gibt es aber nur zu den empfohlenen Pharmaka. Alle anderen Felder wie die Frühmobilisation oder das Anwenden von MTPS wurden noch nicht in dieser Intensität wissenschaftlich bearbeitet. Die geplante Revision ist aber nicht als Folge der Kritik aufzufassen. Sie findet gemäß den Vorgaben der AWMF sowieso alle vier Jahre statt.

Welche Bedeutung hat der Einsatz von MTPS in der aktuellen Empfehlung?

Die Leitlinie ist stark pharmakologisch ausgerichtet. Ärzte sollen das Risiko eines Patienten für eine venöse Thromboembolie abschätzen – und dann, wenn nötig, über ein Pharmakon entscheiden. Basismaßnahmen wie MTPS können unterstützend hinzukommen. Doch egal, welches Risiko ein Patient hat, in der Leitlinie steht dazu nur, „dass der Einsatz von MTPS erwogen werden kann“. Sie sind keine Pflicht. Es scheint, als ob die Strümpfe, die es schon seit über 40 Jahren auf dem Markt gibt, rein aus „traditionellen“ Gründen angezogen werden.

Haben Sie deshalb verschiedene Strümpfe auf ihre Qualität hin untersucht?

Medikamente müssen bei Zulassungsverfahren zeigen, dass sie wirken. Für Medizinprodukte wie den MTPS gilt das bisher nicht. Der Strumpf, der ja für immobile Patienten gedacht ist, muss ein Druckprofil aufweisen, das vom Knöchel zum Oberschenkel hin abnimmt, und zwar von 18mmHg auf 8mmHg. Unsere Untersuchungen, die wir in Kooperation mit Prof. Dr.Kraft von der TU Berlin durchgeführt haben, zeigten, dass einige Strümpfe diesen physikalischen Anforderungen nicht gerecht werden.

Jetzt fehlen noch Studien mit Patienten?

Es gibt eine Untersuchung, die CLOT-Studie aus England, die MTPS an 2.600 Apoplexpatienten getestet hat. Die Hälfte der Patienten trug den weißen Strumpf, die anderen nicht. Alle erhielten Heparin. Das Ergebnis war eindeutig: In der Strumpf-Gruppe wurden nicht mehr Thrombosen verhindert. Allerdings geben wir zu bedenken, dass in dieser Studie ein unbrauchbarerStrumpf angewendet wurde – wie wir jetzt nachgewiesen haben. Wenn wir die biologische Wirksamkeit der MTPS be- bzw. widerlegen wollen, müssen wir diese Studie wiederholen, aber mit einem qualitativ guten Strumpf.

Was denken Sie, lohnt es sich die Strümpfe einzusetzen oder sind sie überflüssig?

Ich weiß es nicht. Genau deshalb brauchen wir Studien. Die klare Aussage, dass man auf MTPS verzichten kann, ist bisher nicht bewiesen. Das routinemäßige Anwenden der Strümpfe, unabhängig davon, welches Risiko der Patient hat, ergibt meines Erachtens keinen Sinn. Ich glaube, dass dadurch die Akzeptanz eines hochwertigen MTPS beim Personal und auch beiden Patienten gemindert wird. Ich denke aber, dass es eine Klientel im Hochrisikobereich gibt, die vom Einsatz des Strumpfes profitiert. Wenn man diese Gruppe, die vielleicht zehn Prozent aller Patienten umfasst, mithilfe einer Studie vernünftig definieren könnte, würden sowohl die Pflegenden als auch die Kassen entlastet.

Welche Änderungen erwarten Sie durch die Revision?

In England haben die Ergebnisse der CLOTStudie dazu geführt, dass die dort bestehende Leitlinie zuungunsten der Strümpfe geändert wurde. Dass ein minderwertiges Produkt getestet wurde, interessierte nicht, da ja zu diesem Zeitpunkt alle Strümpfe als gleichwertig galten. Auch bei uns könnten die Studienergebnisse dazu führen, dass MTPS bei Apoplexpatienten nicht mehr angezogen werden. Ansonsten wird sich in der S3-Leitlinie inhaltlich wenig verändern. Genau werden wir das erst wissen, wenndie neue Leitlinie Anfang 2014 publiziert wird.


Information zur Person Prof. Knut Kröger:
Prof. Dr. med. Knut Kröger ist Direktor der Klinik für Gefäßmedizin in Krefeld und Vorsitzender der "Trombose Initiative e.V.g".

Das Interview führte Bianka Grofer

CNE.magazin 04/2013

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