• (Bild: Pixland)

     

My Generation

Vor kurzem bin ich 58 Jahre alt geworden, geboren in der BRD. Das heißt, ich gehöre zu einer Generation, die nie Krieg, Hunger, Entbehrung oder massive Unterdrückung erfahren musste. In meiner Schulzeit wurde die Prügelstrafe abgeschafft. Als ich Ende der 60er die Schule verließ, brauchte ich nicht einmal Bewerbungen schreiben. Ich habe mich vorgestellt und die gewünschte Lehrstelle sofort bekommen. Ich bin dann 1972 mit einem alten, selbst umgebauten VW – Bulli nach Indien gefahren, das gehörte damals zum guten Ton. Den Job konnte ich bedenkenlos kündigen, man fand ja innerhalb wenigere Tage einen neuen.

Als ich nach gut einem Jahr nach Deutschland zurückkehrte, wurde mir das erste Mal klar, das wir hier auf einer Insel leben. Wir hatten immer Strom und fließendes Wasser, genug zu Essen und die Freiheit, über alles kritisch nachzudenken. Wir konnten unsere Eltern und unsere Regierung kritisieren, wir konnten für unsere Ideen auf die Straße gehen, ohne Angst, deshalb inhaftiert, gefoltert oder erschossen zu werden. Um der Bundeswehr zu entgehen, zog ich nach Berlin. Dort musste ich feststellen, dass diese Freiheiten schon 50 Meter hinter meiner Wohnung nicht mehr selbstverständlich waren, dort an der Mauer fielen nachts Schüsse auf Menschen. Dem größten Teil meiner Altersgenossen geht es heute sehr gut, sie sitzen fest in gut dotierten Stellungen und leitenden Positionen, und einige haben sich nochmal das „Bulli-Feeling“ gegönnt und fahren einen T 5 für 60.000 €. Wenn unsere Generation jetzt so nach und nach in den Ruhestand geht, sind sogar die Renten noch relativ sicher.

Ja, uns geht es gut! Und wir beklagen bei einem gepflegten Glas Rotwein die unpolitischen jungen Leute, die nur an sich und ihre Karriere denken.

Was hat das mit der Psychiatrie zu tun? Auch hier konnten wir vor 40 oder 30 Jahren über Dinge nachdenken, über die man nur nachdenken kann, wenn die Sanktionen, die unter Umständen auf uns zukommen, uns nicht existentiell gefährden.

Das schreckliche Trauma der Nazipsychiatrie lag hinter uns, und das „Wirtschaftswunder“ bot finanzielle Rahmenbedingungen für innovative Experimente. Wir konnten ungestraft über Antipsychiatrie nachdenken und Sozialpsychiatrie in die Tat umsetzen, auch wenn es einige kleine Bürgerbewegungen gegen die Öffnung der Kliniken gab. Der Zeitgeist und wir haben viel Gutes auf den Weg gebracht. Und heute sitzen wir in leitenden Positionen und klagen bei einem gepflegten Glas Rotwein über die karrierebewussten, jungen, dynamischen Emporkömmlinge, die meinen, alles besser zu wissen. Wir glauben nämlich insgeheim, dass das, was wir entwickelt haben, im Grunde nicht mehr verbesserungsfähig ist. Wenn dann solch ein „Jungmanager“ erheben will, was wir den Tag über eigentlich mit unseren Patienten tun, dann grenzt das an Blasphemie. Wir übersehen dabei, dass die junge Generation im Allgemeinen das Wissen ihrer Vorgänger weitgehend integriert hat.

Sie setzt es in neue Zusammenhänge, nutzt neue Technologien, und könnte uns –wenn wir unsere stolzen Scheuklappen überwinden – manchmal in anerkennendes Staunen versetzen.

Mich fasziniert es beispielsweise immer wieder, wenn es hoch engagierten, jungen Kollegen gelingt, ökonomische Zwänge so mit patientenorientierten Ansätzen zu koppeln, dass nachher ein Ergebnis dabei herauskommt, welches für den Patienten besser und gleichzeitig auch noch kostengünstiger ist. Hatten wir nicht noch die Maxime im Kopf: eine kostendeckende Behandlung psychisch Kranker kann nur schlecht sein? Natürlich kennen sie unser Wissen lediglich in groben Zusammenhängen, sie werden uns aber über tiefergehende Details nur dann befragen, wenn wir im Gegenzug auch ihre Ideen und Ansätze wertschätzen. Das war und ist immer so.

Die Gedanken kamen mir, als ich ein Interview mit einem weltbekannten 60-jährigen Rockmusiker las. Er sagte, er gehe wieder auf Tournee, weil es heute doch keine gute Musik mehr gäbe. Da habe ich mich etwas für meine Generation geschämt.

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

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