• Psych.Pflege Heute

    © Thieme Gruppe

     

Reform der Pflegeversicherung: Belange psychisch Erkrankter beachten

Der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker Bayern e. V. fordert, dass die Belange psychisch Kranker und ihrer pflegenden Angehörigen stärker in die Diskussion über die Reform der Pflegeversicherung einbezogen werden.

Mit Bedauern stellen wir fest, dass in der öffentlichen Diskussion über die Reform der Pflegeversicherung regelmäßig die Demenzkranken, nicht aber alle psychisch kranken oder psychisch behinderten Menschen einbezogen werden. Ihre Behinderung ist zwar auf den ersten Blick nicht immer erkennbar. Sie betrifft aber das Handeln, Wollen, Fühlen und den Antrieb. Die persönliche Dynamik ist eingeschränkt, die Aktivität beeinträchtigt oder übertrieben.

Vollzeitjob Pflege

Diese Menschen müssen nicht unbedingt gewaschen oder zur Toilette geführt werden. Sie müssen aber rund um die Uhr betreut, getröstet, motiviert und angeleitet werden. Pflegende Angehörige leisten täglich Überzeugungsarbeit, wenn es um Körperpflege, Arztbesuche oder Beschäftigungen geht. Sie sind oftmals die einzigen Bezugspersonen, die dem Kranken bleiben.

Im Gegensatz zu demenziellen Erkrankungen treten psychische Erkrankungen, wie Depression, Schizophrenie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung, oft schon in der Jugend auf und führen im Verlauf einer chronischen Erkrankung zunehmend zur Pflegebedürftigkeit des Erkrankten. Automatisch werden dann Eltern, Geschwister oder Partner, in manchen Fällen auch Kinder, lebenslang zu pflegenden Angehörigen. Die Dauer der Pflegebedürftigkeit ist nicht absehbar und erstreckt sich oft über Jahrzehnte.

Oft ist die Pflege eines psychisch kranken Menschen ein Vollzeitjob – allerdings derzeit ohne Bezahlung, ohne Wochenende, ohne Urlaubsanspruch – und ohne Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung! Ein Mitglied der Kleinfamilie – meist die Mutter – muss den Beruf ganz oder teilweise aufgeben, um das kranke Familienmitglied ständig pflegen zu können.


Pflege in vertrauter Umgebung

Daher wünschen wir uns angemessene Leistungen aus der Pflegeversicherung. In Zeiten sich auflösender Familienstrukturen und alleinerziehender Eltern können es sich inzwischen immer weniger Menschen leisten, das geliebte Kind, den Bruder oder die Schwester zu Hause zu pflegen. Eine solche Pflege ist aber für viele Kranke förderlich, da sie in einer vertrauten Umgebung mit weniger Ängsten zu kämpfen haben. In jedem Fall ist aber eine Pflege zu Hause sehr viel billiger als eine stationäre Pflege.

Deshalb wünschen wir uns nicht nur die Anerkennung der besonderen Pflegebedürftigkeit psychisch kranker Menschen in der Pflegeversicherung, sondern auch weitere Maßnahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger: Zum Beispiel eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf oder Rentenanwartschaften, um die Altersarmut pflegender Frauen und Männer künftig zu vermeiden.

Seit 1. Juli 2008 gibt es das zusätzliche Pflegegeld bei eingeschränkter Alltagskompetenz bei der Eingruppierung in die Pflegestufe 0. Doch Pflegestufe 0 bedeutet keine finanzielle Entlastung für Angehörige. Der zu pflegende Mensch bekommt Geld zur Verfügung gestellt, für das er sich Leistungen von externen Anbietern, wie Pflegediensten, einkaufen kann. Dies soll der Entlastung der Angehörigen in zeitlicher Hinsicht dienen.

Diese Geldsumme hilft Angehörigen aber nur in Ausnahmefällen, da psychisch Kranke häufig Angst vor fremden Menschen oder fremden Situationen entwickeln und sich deshalb weigern, mit einem „Unbekannten“ zum Arzt zu fahren oder einkaufen zu gehen.

Wir Angehörige sind deshalb all jenen dankbar, die bei der Pflegereform mitarbeiten, die uns mit Verständnis für unsere Lage zur Seite stehen und so für soziale Gerechtigkeit sorgen.

Ingrid Langschwert
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker (LApK) e.V.

Aus der Zeitschrift Psych.Pflege Heute 4/2015

Call to Action Icon
PPH kostenlos testen ... ... und ausführlich kennenlernen!

Newsletter Pflege

Buchtipp:

Psychiatriepflege und Psychotherapie
Stephanie Amberger, Sibylle Roll, Secil Akinci, Borwin Bandelow, Markus BangerPsychiatriepflege und Psychotherapie

EUR [D] 67,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.