• Scham und Würde in der Pflege

     

Scham und Würde in der Pflege

Am Anfang steht die Wahrnehmung: Pflege und Scham sind untrennbar verbunden. Die Rahmenbedingungen von Pflege erschweren die würdevolle Pflege, nämlich die Pflege, die Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität aller zu wahren weiß. Das bedeutet als Erstes, die Scham wahrzunehmen, sie bei sich selber und bei anderen gelten zu lassen, damit sie ihre schützende Funktion als Hüterin der Würde entfalten kann.

Zum Schämen

Zeitungsschlagzeilen weisen in Verbindung mit Berichten von Pflegekräften immer wieder darauf hin, dass die Pflege in Deutschland in einer Schieflage ist: Unterbesetzung, schlecht oder nicht qualifiziertes Personal, Überstunden, Versorgung von mehr als 60 pflegebedürftigen Heimbewohnerinnen und -bewohnern in der Nacht usw. Auch in einer Studie des Deutschen Instituts für Pflegewissenschaft (dip) ist nachzulesen, wie gravierend der Fachkräftemangel in der Pflege ist und dass dieser Mangel direkte Auswirkungen auf die Pflegequalität hat.

Würdevolle Pflege kann nicht innerhalb von Rahmenbedingungen geleistet werden, die unwürdig sind. 

Wer sich die Diskussionen um Pflegebildung vor Augen führt, dem treibt es leicht die Schamesröte ins Gesicht. Während in den meisten Ländern dieser Welt schon lange klar ist, dass dieser Beruf bestens ausgebildete Menschen braucht, diskutiert man in Deutschland noch darüber, ob man Abitur braucht oder nicht, dass generalisierte Ausbildung zu teuer sei und dass akademisch ausgebildete Pflegekräfte womöglich zu viel Geld verlangen könnten. Dabei haben internationale Forschungen über 40 Jahre aus Magnetspitälern (und inzwischen auch Altenhilfeeinrichtungen sowie ambulanter Pflege) gezeigt, dass die Qualität der Pflege direkte Auswirkungen auf Mortalität und Morbidität hat und dass bessere Qualität nicht einmal teurer ist, wenn alle Folgekosten eingerechnet werden.

Wir tun gut daran, uns zu schämen, denn nur dann kann die Scham ihre schützende Funktion entfalten. Dann fühlen wir, dass die Grenze erreicht oder überschritten ist, in diesem Fall die Grenze des Zumutbaren und die Grenze des Aushaltbaren. Die Scham ist das Warnsignal, das anzeigt, wenn unsere Würde in Gefahr gerät. Und die Scham gibt uns den Entwicklungsimpuls, aus dem die Kraft für Veränderung kommen kann.

Würdevolle Pflege

Würdevolle Pflege bedeutet, jemandem Demütigung zu ersparen.Wir sprechen manchmal davon, dass unwürdig ist, wie jemand leben muss oder unter welchen Bedingungen Pflege geleistet wird. Nach Stoecker fällt aber kein Mensch aus der Würde heraus, egal wie unselbstständig oder abhängig er oder sie sein möge. Aus der Würde fällt man erst, wenn man gedemütigt wird. Das kann aktiv geschehen, indem etwa die Hilfsbedürftigkeit in den Dreck gezogen wird, wenn jemand absichtlich in den eigenen Exkrementen liegen gelassen, geschlagen oder beschimpft wird.

Demütigung kann auch passiv geschehen, indem unterlassen wird, was notwendig wäre: wenn zum Beispiel eine Gesellschaft nicht die Ressourcen bereitstellt, damit alle Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, gut versorgt werden können, oder wenn ganz einfach die Sensibilität für den würdigen Umgang mit Menschen fehlt. Die Würde wird verletzt, wenn etwa bei der Visite jemand entblößt wird, ohne auf den nötigen Sichtschutz zu achten. Oder wenn das Bedürfnis, von gleichgeschlechtlichen Pflegekräften versorgt zu werden, missachtet wird, obwohl dies möglich wäre. Strukturelle Bedingungen sind genauso wichtig für die Vermeidung überflüssiger Scham, zum Beispiel dass es Räume gibt, in denen Intimität geschützt ist. Es gibt unzählige Beispiele in der Pflege, bei denen deutlich wird, dass Fingerspitzengefühl, Wissen und Können gebraucht wird, um die Würde zu wahren – die Würde ist eben antastbar. Und die Scham hütet diese Würde.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Scham und Würde in der Pflege

Aus der Zeitschrift: GGP 03/2018

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