• Psych.Pflege Heute

    Die Autorin Janine Berg-Peer bei einer Informationsveranstaltung für Psychiatrieerfahrene und Angehörige in Bonn. (© Christoph Müller)

     

Schizophrenie ist scheiße, Mama!

Eine Begegnung mit der Buchautorin Janine Berg-Peer, deren Tochter an Schizophrenie erkrankt ist.

Ich begegne Janine Berg-Peer am Rande eines Informationstags für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige. Neugierig bin ich auf sie. Schließlich hat ihr Buch „Schizophrenie ist scheiße, Mama!“ mich tagelang beschäftigt. Berg-Peer ist die Angehörige einer psychosekranken Tochter. Sie berichtet in dem Taschenbuch von der Erkrankung ihrer Tochter. Sie erzählt von den vielen widersprüchlichen Erfahrungen auf psychiatrischen Stationen, beschreibt die Krankenbeobachtung in der privaten Umgebung und lässt vor allem in die eigene Gefühlswelt blicken.

Für Aufsehen hat das Buch „Schizophrenie ist scheiße, Mama!“ gesorgt. Der Erfahrungsbericht von Janine Berg-Peer hat viele Menschen bewegt. Ich kann es nachvollziehen, denn Berg-Peer hat ein gewinnendes Temperament. Ihr wacher Blick lässt eine Aufmerksamkeit im Gespräch erkennen, der Wertschätzung ausdrückt.

Wertschätzung verdient auch das Buch, das Berg-Peer geschrieben hat. Sie bringt viele Erlebnisse auf den Punkt, immer bemüht, das Gegenüber nicht bloßzustellen. Sie zeigt Ausgewogenheit, bemüht sich um ein Verständnis für die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Natürlich gelingt es ihr nicht in jeder Situation, wie sie auf der Informationsveranstaltung für Betroffene und Angehörige erzählt.

„Was ist eigentlich an einer schizophrenen Erkrankung peinlich?“, fragt Berg-Peer das Auditorium. Es sei ein gutes Werk, zu reden, sich nicht zu schämen wegen der psychischen Krankheit eines Angehörigen. Sie gibt den Menschen zu bedenken, die alten Vorstellungen über die Psychiatrie hinter sich zu lassen. Eine psychische Erkrankung sei beispielsweise nicht zwingend mit der schizophrenogenen Mutter verbunden, diese unausgesprochene Schuld sollten Betroffene nicht zu sehr an sich herankommen lassen. Psychische Krankheit habe zu sehr mit Störungen des Stoffwechsels zu tun.

Begegnungen auf Station

Da erinnere ich mich an viele Begegnungen mit Angehörigen von Psychiatrieerfahrenen an Stationstüren, die ich als psychiatrisch Tätiger erleben konnte. Was mag oft unausgesprochen sein zwischen den Angehörigen – für die möglicherweise jeder Besuch in der Klinik ein Riesenschritt sein kann – und den psychiatrisch Pflegenden, für die die Begegnung an der Eingangstür der Station nichts als bloße Routine ist? Welche knappen Gedanken mögen den Angehörigen und den Pflegenden durch den Kopf gehen bei der Begegnung zwischen Tür und Angel?

Berg-Peer erzählt ganz hautnah: „Was mir – fast immer – auffiel beim Betreten der Station, war die Unfreundlichkeit oder das Desinteresse vieler Pfleger und Pflegerinnen. Es wurde nicht einmal ,Guten Tag‘ gesagt, sondern unwirsch gefragt, wohin man wolle. War die Tochter nicht da, wurde oft mit Schulterzucken reagiert: ,Keine Ahnung, vorhin war sie noch hier, vielleicht ist sie im Raucherhäuschen. Müssen Sie selbst mal gucken.‘ Auch bei Routine könnte man doch freundlich sein, schließlich ist man in einem Beruf, in dem man es mit kranken Menschen zu tun hat.“

Sie wisse als Angehörige, dass Pflegende nicht direkt etwas an der Situation des eigenen Kindes ändern könnten, aber sie erwarte eine wertschätzende Begegnung gegenüber den Angehörigen. Manchmal habe sie es erlebt, dass eine Krankenschwester freundlich zu ihr gesagt habe, dass die Tochter heute wieder viel ruhiger oder sogar fröhlich gewesen sei. Wörtlich: „Dies hat mich dann gefreut, aber es ist selten passiert.“

Nach den Worten von Berg-Peer machen sich die Angehörigen natürlich viele Gedanken um die Schuld an der psychischen Beeinträchtigung der Betroffenen oder um die Scham, die damit verbunden ist. Trotzdem erinnert sie die unterstützenden Menschen daran, immer auch nach den eigenen Grenzen zu schauen, wenn man das psychisch kranke Kind oder einen anderen Angehörigen begleite.

So stelle sich für betroffene Angehörige die Frage, ob es sinnvoll sei, wenn Nicht-Angehörige die gesetzliche Betreuung übernähmen. Berg-Peer erleichtert die Angehörigen: „Es ist schwer, einem anderen Menschen die Bestimmung über ein Familienmitglied zu geben. Es ist trotzdem für alle Beteiligten eine Erleichterung. Vor allem ist es eine Entscheidung für die Autonomie der betroffenen Menschen.“

Zugespitzt erklärt sie, worum es den Angehörigen in der Begegnung mit den betroffenen Menschen gehen sollte: „Ich bin häufig in ein unglaubliches Chaos gekommen, wenn ich die Tochter in der eigenen Wohnung besucht habe. Ich habe die Impulse gespürt, für Ordnung sorgen zu müssen. Mit der Zeit habe ich gelernt, stattdessen mit der Tochter etwas zu machen, was uns Freude macht. Manchmal ist es halt nur die gemeinsame Tasse Kaffee gewesen, die wir miteinander getrunken haben.“


Sozialpsychiatrischer Dschungel

Kritisch schaut Berg-Peer auf ihre Erfahrungen mit den Versorgungsstrukturen. „Im sozialpsychiatrischen Dschungel“ seien diese in den Jahren sehr unterschiedlich gewesen. Sie erinnert sich daran, dass die Tochter einmal zu ihr gesagt habe: „Die sozialpsychiatrischen Anbieter sind in ihrem Marketing besser als in ihrer Arbeit.“ Sie habe auch erfahren, dass die Polizei das einzig niedrigschwellige Angebot gewesen sei, das Unterstützung geboten habe.

Die Defizite in der Versorgung liegen nach Ansicht von Berg-Peer teilweise an der Struktur der Angebote, aber sicher auch an desinteressierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Was sollen wir denn tun, wenn ein Mensch kurz vor einer schlimmen Manie ist?“, fragt bei einer Tagung eine durchaus freundliche Mitarbeiterin eines Sozialpsychiatrischen Dienstes. Vielleicht hingehen, eine Beziehung aufbauen und an einem freiwilligen Krankenhausaufenthalt mitarbeiten? Den Arzt anrufen? Mit einem Betreuer einen Notfallplan absprechen? Mit dem Angehörigen gemeinsam überlegen, wie man helfen könne? „Mir fällt da vieles ein“, sagt Berg-Peer kämpferisch.

Als Gesprächspartner und Zuhörer von ihr macht mich dies natürlich nachdenklich. Was wir Pflegenden wohl versäumen im psychiatrischen Alltag, frage ich mich. Wo wir wohl die eigenen Gewohnheiten verlassen sollten, überlege ich. Wie dies wohl gelingen könnte, sinniere ich. Prompte Antworten finde ich nicht. Stattdessen höre ich lieber zu, wenn Berg-Peer ihren Blick auf die psychiatrisch Pflegenden offenbart.

Die gewinnende Art von Berg-Peer ist überzeugend. Es macht Spaß, mit ihr im Kontakt zu sein, den Außenblick auf die psychiatrische Arbeit zu hören. Mir gibt es die Gelegenheit, den Blick auf die Situation der Angehörigen wieder zu schärfen. Schließlich stimmt es, was Berg-Peer sagt: Die Angehörigen seien die „unbezahlte Ressource im Gesundheitswesen“.

Vielleicht schaffe ich es auch, mit einem aufmerksamen Blick auf die Klinik zu schauen und mit Optimismus den einen oder anderen Akzent zu setzen. „Ja, das sollten wir alle gemeinsam tun, wir sollten uns als Kooperationspartner verstehen“, schließt sie das Gespräch mit mir ab und wir vereinbaren, miteinander in Kontakt zu bleiben.

Christoph Müller

Aus der Zeitschrift Psych.Pflege Heute 3/2015

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