• Netzbetten

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Sind Netzbetten inhuman?

Weiter könnte der Spannungsbogen kaum sein: Während in Österreich Netzbetten seit dem 1. Juli 2015 gesetzlich verboten sind, erleben sie in Deutschland eine unerwartete Konjunktur. In der psychiatrischen Pflegeszene wird deshalb diskutiert, inwieweit Netzbetten eine berechtigte Rolle in der Begleitung von Menschen spielen sollten, die herausforderndes Verhalten zeigen.

Wir würden gerne einen Diskurs mit Ihnen über dieses kontrovers diskutierte Thema führen. Als Basis für Ihre Meinungsbildung geben wir Ihnen hier einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand.

Freiheitsentziehende Maßnahmen

Entscheidend ist die Frage, mit welchen Grundhaltungen Netzbetten in der pflegerischen Praxis genutzt werden.

Grundsätzlich sind Netzbetten als freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) anzusehen, die gerichtlich genehmigungspflichtig sind. Diesbezüglich sind sie mit Fixiergurten und abgeschlossenen Türen in ihrer Bedeutsamkeit gleichzusetzen. Ob es vor diesem Hintergrund angemessen ist, die Sicherheitsbetten als Moment der Humanität zu preisen, bleibt zu diskutieren.

Es stimmt natürlich, dass die jahrzehntelang in Österreich genutzten Netzbetten aus Eisen hergestellt wurden, während andere Netzbetten deutlich mehr aus synthetischen Stoffen bestehen. Ein Hersteller schreibt unter anderem: „Das Bett-Sicherheitssystem ist eine einzigartige Methode, um Patienten in ihrer Bewegung einzuschränken ohne Fixierbänder und Fixiergürtel benutzen zu müssen.“

Allerdings überrascht der Zeitpunkt, zu dem die „weicheren“ Sicherheitsbetten besonders im gerontopsychiatrischen Versorgungskontext eine Konjunktur erleben: Auf Reha-Messen und medizinischen Kongressen tauchen Hersteller auf. Amtsrichter aus ganz Deutschland berichten davon, dass sie die Sicherheitsbetten juristisch legitimieren müssen. Pflegende erzählen von den neuen Hilfsmitteln. Konkrete Zahlen lassen sich noch nicht nennen.

Hingegen rücken in der Pflege gerontopsychiatrisch veränderter Menschen freiheitsentziehende Maßnahmen zunehmend in den Hintergrund.

Dazu beigetragen hat die ständige Weiterentwicklung der „Leitlinie FEM“, als eine entscheidende Orientierungslinie für professionell Pflegende in der Altenhilfe. Auch das „ReduFix“-Programm, das vor bald 15 Jahren von der deutschen Bundesregierung initiiert wurde, hat die Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in das Scheinwerferlicht gerückt. Der „Werdenfelser Weg“, der dafür gesorgt hat, dass Verfahrenspfleger bei Beschlüssen zu unterbringungsähnlichen Maßnahmen einen pflegefachlichen Hintergrund haben, führte ebenfalls zu überraschenden Effekten: Freiheitsentziehende Maßnahmen reduzieren sich regional gegen Null.

Eigene Haltungen überprüfen

Die Sicherheitsbetten fordern psychiatrisch Pflegende dazu auf, die eigenen ethischen Haltungen zu überprüfen. Wenn psychisch veränderte Menschen mit ihren Verhaltensweisen Aufmerksamkeit erregen, dann ist dies immer mit einer Botschaft verbunden. Auf diese Botschaft gilt es zu reagieren.

Schließlich muss ein Diskurs geführt werden, ob eine solche Form der Freiheitsentziehung in Zeiten ökonomischer Enge angebracht ist. Oder ob die pflegerische Ethik eine Auseinandersetzung darüber führen muss, wie Menschlichkeit im pflegerischen Alltag gelebt werden muss.

In der nächsten Ausgabe der PPH würden wir gerne Ihre Meinungen zu Sicherheitsbetten veröffentlichen. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften an psych.pflegeheute@thieme.de.


Aus der Zeitschrift Psych.Pflege Heute 5/2015

 

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