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Über die (digitale) Zukunft des Lernens

In Ausbildung und Studium sind mehr und mehr digitale Medien im Einsatz. Je nach Branche mal mehr mal weniger selbstverständlich. In der sehr praktisch geprägten Ausbildung zum Physiotherapeuten sind die digitalen Anwendungen momentan eher Neuland. Schulleiter der Schulen/Hochschulen, die unsere Physiotherapeuten der Zukunft ausbilden, beschäftigen sich zwar zunehmend damit. Allerdings werden elektronische Lernmedien und Portale eher neugierig und vor allem kritisch beäugt. In diesem Zusammenhang ergeben sich für uns immer wieder neue Themen und Fragen, die wir nicht allein beantworten können. Umso mehr freuen wir uns, dass wir in diesem Zusammenhang einige davon an Prof. Dr. Gunter Dueck stellen konnten.

Thieme: Herr Professor Dueck, was bedeutet für Sie eigentlich Bildungs“erfolg“?

Dueck: Der Mensch sollte vieles Wertvolle in möglichst allen Kulturen und Denkweisen kennen und schätzen lernen und multiperspektiv urteilen können. Er sollte die Zeit der Bildung unbedingt zur Persönlichkeitsentwicklung nutzen; diese bildet in der heutigen Zeit schneller und starker Veränderung eine noch solidere Grundlage als die Bildung im Rahmen der Kenntnisse und Kompetenzen. Das versuchen uns übrigens so etwa alle Philosophen und Religionsführer aller Zeiten einzutrichtern! Es scheint schwierig, die Persönlichkeit ohne Vorbilder zu bilden. Die meisten Hervorragenden schwärmen rückblickend von einer Bezugsperson, zu der sie liebend oder bewundernd aufschauten und die sie förderte. In vielen bildungsfernen Umgebungen fehlen solche Vorbilder und damit die Chancen auf Entwicklung.

 

Thieme: Wie verändert sich das Lehr- und Lernverhalten durch Digitalisierung?

Dueck: Das ist wohl nicht klar. Heute werden alle Geschäftsprozesse, egal worum es ist, möglichst exakt im Digitalen abgebildet. Berater verdienen daran, weil es so gewollt wird, warnen aber beim Bier an der Bar so – sorry, es klingt aber so: „Wer einen Scheißprozess digitalisiert, hat einen Scheiß-Digitalprozess.“ Es hilft der Bildung nicht direkt, statt mit Tafelkreide nun Whiteboards zu nutzen. Man muss wohl nachdenken, wie man das Digitale so einsetzen kann, dass möglichst viel Bildung für die Persönlichkeit erzielt werden kann, die man sich für 2040 vorstellt. Zuerst einmal fehlen die Inhalte. Wie wäre eine Wikipedia, in der je 1000 Hörproben von Keuchhusten und Pseudokrupp abgehört werden können? 1000 Bilder für jede Krankheit? YouTube-Beispielvideos für jeden Arzteingriff oder für jede Behandlung eines Patienten durch Physiotherapeuten? Eine Ärztin sagte mir einmal, sie habe am meisten bei Schulkinderuntersuchungen gelernt. Die Kinder seien ja meist gesund. Und nachdem sie hinter allem Ohrenschmalz mehr als 1000 gesunde Ohren gesehen hatte, wusste sie sehr viel besser, wann etwas nicht in Ordnung an einem Ohr ist. Solche Beispielsammlungen können viel mehr bringen als eine klassische Fortbildung im Hörsaal mit einem einzigen Patienten. Wer aber schenkt der Menschheit diese Zugänge zu Beispielen? Die Verlage könnten so etwas beginnen... Schauen Sie, ein Pilot wird am Flugsimulator ausgebildet, nicht durch PowerPoints oder Bücher. Der Weg zu solchen digitalen Inhalten ist natürlich mühsam – Krankenhäuser, Ärzte und Patienten müssen mitmachen... Dann würden die Lernenden sich erst alles durch viele Beispiele vertraut machen, und der Lehrer bringt ihnen die Theorien, Erklärmodelle und Heuristiken der Praxis bei.

 

Thieme: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Lernens aus?

Dueck: Wir sollten nachdenken, wie alles und jedes am besten beigebracht werden können. Wie bringt man einem Kind Rechtschreibung bei? Durch lange Tafeltiraden in der Klasse, Erklärungen zur Grammatik etc.? Das geht, klar. Aber man kann sich daheim über den Computer Diktate vorsprechen lassen, tippt sie in ein Programm (das vorhandene Word ginge ja schon!) und zählt die roten Anstreicher. Nach langem Üben macht man einen Rechtschreibführerschein in Bronze, Silber, Gold und Platin. In Bruchrechnen und Dreisatz ebenso. Wie bei Medizinstudenten gibt es dafür zentrale Prüfungen. Ohne Führerschein gibt es dann eben kein Abitur, so wie man früher vieles nicht ohne Latinum oder Graecum studieren konnte. Kurz: Das Digitale kann genutzt werden, lange praktisch zu üben, was im Frontalunterricht vor vielen Leuten sich nicht einfach so erklären lässt. Ich denke, dass vieles in allen Fächern auf Computerübungen ausgelagert werden sollte und die eingesparte Lehrerzeit dann für Einzelcoaching aufgewendet werden kann. „Oh, das wird teuer, Einzelunterricht!“ Weiß ich. Aber beim Geigen ist das doch selbstverständlich? Man sollte vielleicht „die Tafel“ und „die Klasse“ als Vorstellung beiseite lassen und einfach nur darüber brüten, wie ein Ergebnis besser erzielt werden kann. Und das ist bei allem so, bei dem das Üben und das praktische Erfahren gegenüber der bloßem Erkenntnis und dem Verständnis sehr lange dauert: Jonglieren, Dota 2 spielen, Schach, Häkeln, Malen, Flöten, Kochen, Lackieren, Diagnostizieren. Idee: Ich male daheim liebevoll an einem Bild und rufe ab und zu für ein paar Minuten den Skype-Kunstcoach vom Dienst an, er möge ein paar Worte über mein Werk sagen. Warum gibt es keine Skype-Gurus vom Dienst für gerade neben ihrem Patienten zweifelnde Ärzte? Auch das wäre ein Service-Business für Verlage, denke ich. Das Papier ist nicht mehr das Hauptproblem! Coaching für Könner durch Meister könnte boomen. 

 

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