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Akuter Nackenschmerz – Untersuchung und Behandlung der unteren HWS

70 Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal in ihrem Leben Nackenschmerzen. Anhand eines Fallbeispiels erklärt Manualtherapeut Ronny Petzold sein Vorgehen bei der Untersuchung und Behandlung und stellt Eigenübungen für zu Hause vor.

Die untere Halswirbelsäule erstreckt sich von der Abschlussplatte des Axis bis zur Oberfläche von Th 1. Ihre Gelenke erlauben die Bewegungen Flexion und Extension sowie Seitneigung kombiniert mit Rotation. Aus funktioneller Sicht enden diese Bewegungen erst auf Höhe des 5. Brustwirbels. Treten in dem Bereich Funktionsstörungen auf, berichten die Patienten häufig von Steifheit, Durchbrechgefühlen und vor allem von Nackenschmerzen.

Die Lebenszeitprävalenz von Nackenschmerzen liegt in der Weltbevölkerung bei 70 %. In westlichen Industrienationen wie Großbritannien liegt die Punktprävalenz bei knapp 30 %. In der Regel sind Frauen häufiger von Nackenschmerzen betroffen als Männer.

Nackenschmerzen sind weitgehend unspezifisch

Nur bei einem kleinen Teil der Patienten lassen sich die Nackenschmerzen auf strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule oder entzündliche Erkrankungen zurückführen. Spezifische Ursachen können Frakturen, Tumore, Gleitwirbel, Bandscheibenvorfälle und Spinalkanalstenosen sein. Über 80 % dagegen leiden an unspezifischen Nackenschmerzen. Sie sind definiert als Schmerzen, die im hinteren und lateralen Nackenbereich zwischen Linea nuchae und dem ersten Brustwirbel lokalisiert sind und als weitergeleiteter Schmerz in den Schultergürtelbereich und die BWS ausstrahlen können. Sie sind häufig assoziiert mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, einseitig beanspruchender, statischer Arbeit, hoher physikalischer Arbeitsbelastung und früheren Nackenverletzungen.

Weil es so viele verschiedene Einflussfaktoren gibt, ist es wichtig, die Symptome und Zeichen sorgfältig zu analysieren, um die richtigen Entscheidungen mithilfe des Clinical-Reasoning-Prozesses treffen zu können. Die Befunde und Daten aus der Anamnese bilden die Grundlage, um die physische Untersuchung zu planen. Dabei gibt die klinische Präsentation vor, ob bei der Wahl der Untersuchungsmittel ein standardisiertes Vorgehen sinnvoll ist oder ob der Therapeut modifizieren muss. Die im Folgenden beschriebenen Untersuchungs- und Behandlungsschritte basieren auf einer peripher nozizeptiven Präsentation einer Patientin mit unspezifischen Nackenschmerzen.

Fallbeispiel

Charlotte Schneider ist 30 Jahre alt und arbeitet als Einzelhandelskauffrau in einem Sportgeschäft. Als Hauptproblem gibt sie Nackenschmerzen mit Bewegungseinschränkungen, besonders beim Schulterblick, an. Den Schmerz (S1) beschreibt sie als ziehend und stechend lokal (VAS 6/10). Er klingt immer noch einige Sekunden nach, wenn sie den Kopf wieder in die Neutralposition bewegt hat. Die Beschwerden begannen vor fünf Tagen, als sie bei einer schnellen Kopfdrehung nach rechts einen einschießenden Schmerz verspürte. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Warnhinweise auf eine ernsthafte Pathologie.

Inspektion im Stand

Die Analyse der Kopf- und Nackenposition im Verhältnis zum Rumpf und deren Eingliederung in die Gesamtstatik in den verschiedenen Ebenen lässt erste Rückschlüsse auf die Belastungssituation des oberen Quadranten zu. Die Patientin zeigt in der Sagittalebene im Bereich der mittleren BWS eine leicht verstärkte Kyphose, die in die untere HWS weiterläuft. Dadurch steht der Kopf in einer leichten Ventralposition.

Aktive physiologische Bewegungen der HWS

Im nächsten Schritt geht es darum, Qualität und Quantität der aktiven HWS-Beweglichkeit zu beurteilen. Forscher der Universität Pittsburgh untersuchten in einer Studie die Interrater-Reliabilität von aktiven HWS-Bewegungen bei Patienten mit unspezifischen Nackenschmerzen mittels Inklinometer. Sie beurteilten unter anderem, wie zuverlässig sie die Symptome bei Patienten mit Schmerzen im Bereich des Nackens und der BWS reproduzieren. Dabei zeigten sich bei einem Großteil der Bewegungen moderate bis gute Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Autoren einer anderen Studie aus den Niederlanden gaben am Ende der aktiven Bewegung einen sanften Überdruck, um das passive Ausmaß, den Gewebewiderstand und eventuell auftretende Schmerzen zu beurteilen. Sie konnten in ihrer Studie die Symptome ebenfalls gut reproduzieren.

Bei der Untersuchung der aktiven Beweglichkeit (AROM) von Frau Schneider ergeben sich folgende Befunde:

• Extension: 40°, S 1 und Ausweichbewegung in Lateralflexion links

• Lateralflexion rechts: 20°, S 1

• Rechtsrotation (ROTR): 55°, S 1

• Flexion: 70°

• Lateralflexion links: 40°

• Linksrotation (ROTL): 75°

• Durch die aktive Bewegungsprüfung lassen sich die Schmerzen (S 1) der Patientin reproduzieren – ein Zusammenhang zwischen Beschwerden und Funktionsstörungen im Nackenbereich ist also erkennbar. Aufgrund der aktuell irritierbaren Situation wird auf den passiven Überdruck am Ende der Bewegung verzichtet.

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Aus der Zeitschrift: physiopraxis 06/2019

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