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    Beispiel für die Formulierung einer physiotherapeutischen Diagnose nach dem Baukastensystem zu einer Rückenschmerzproblematik.

     

Befundest du noch - oder diagnostizierst du schon?

HINTERGRUND: Diagnostizieren stellt für Physiotherapeuten in Deutschland längst noch keine Selbstverständlichkeit dar. Viele fühlen sich unsicher, ob sie überhaupt Diagnosen stellen dürfen. Wenn sie Diagnosen stellen, bedienen sie sich häufig der ärztlichen Terminologie. In der Berufsgruppe ist weder die Bedeutung einer berufsspezifischen physiotherapeutischen Diagnose verbreitet, noch liegt eine einheitliche Vorstellung zu deren möglicher Struktur vor.

Einleitung

Die Frage, ob Physiotherapeuten befunden oder diagnostizieren, verursacht in Deutschland unter den in den Therapieprozess involvierten Personengruppen unterschiedliche Reaktionen. Die Therapeuten selbst sind häufig verunsichert, wurde vielen von ihnen doch lange genug gelehrt, dass die Diagnose Sache des Arztes sei. Dieser Meinung sind überwiegend auch die Ärzte: Physiotherapeuten hätten sich auf die Erstellung eines Befundes zu beschränken.

Andererseits erleben Physiotherapeuten im klinischen Alltag täglich die Notwendigkeit der eigenen Diagnosestellung. Am ehesten halten es die Klienten für selbstverständlich, dass ihre behandelnden Therapeuten einer Diagnose folgend handeln. Oft sind sie sich bewusst, dass diese einer physiotherapeutischen Untersuchung folgt und nicht zwingend der auf der Verordnung befindlichen ärztlichen Diagnose entspricht.

Im Folgenden wird erläutert, woher diese Uneinigkeit und Verunsicherung stammt, dass diese Unsicherheit bezüglich der Diagnosestellung unbegründet ist, wie sich die physiotherapeutische von der ärztlichen Diagnose unterscheiden sollte und warum es dringend notwendig ist, die physiotherapeutische Diagnose als solche zu benennen und zu systematisieren. Die Textinhalte basieren auf den Ergebnissen des Seminars „Handlungsfelder in der Physiotherapie“ im Wintersemester des Bachelor-Studiengangs Ergotherapie/Logopädie/Physiotherapie an der HAWK Fachhochschule Hildesheim, Fakultät Soziale Arbeit.

Befund oder Diagnose?

Ersetzt die Diagnose nun den Befund? Befund stammt aus dem Mittelhochdeutschen, und seine Bedeutung wird dort ähnlich der Diagnose mit „beurteilen“ beschrieben. Im Englischen entspricht Befund den Begriffen „findings“ oder „data“. Im praktischen Kontext sind Befunde eher als Ergebnisse einzelner Tests oder Testbatterien zu verstehen. Die Gesamtheit der Befunde stellt die Basis für die Formulierung einer physiotherapeutischen Diagnose dar. Die evaluative Zusammenfassung der einzelnen Befunde in eine physiotherapeutische Diagnose findet sich teilweise bereits in der Bildung von Klassifikationssystemen wieder. Später wird deutlich werden, dass die bestehenden Klassifikationssysteme als Diagnosesystematiken nicht geeignet sind.

Im Gesundheitswesen scheint der Diagnosebegriff durch die ärztliche Diagnose belegt. Sie orientiert sich an der in den 90er-Jahren von der WHO beschlossenen „Internationalen Klassifizierung der Krankheiten“ (International Classification of Diseases – ICD). Sie gliedert sich in Klassifikationsfamilien (z. B. Krankheiten des Nervensystems: G00–G99, Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes: M00–M99) und organisiert die einzelnen Diagnosen in einem alphanumerischen System (z. B. primäre Koxarthrose, beidseitig: M16.0).

Diagnosen gibt es aber nicht ausschließlich in der ärztlichen Medizin. Die Sportwissenschaft spricht von der im Wesentlichen durch technische Messinstrumente erhobenen Leistungsdiagnostik. Andere technische Professionen (z. B. KFZ-Technik) bedienen sich ebenfalls selbstverständlich des Begriffs Diagnose.

Ein komplexeres Verständnis der Diagnose findet sich in der sozialen Arbeit. Geprägt wurde dies durch Alice Salomon bzw. ihre Transferierung der sozialen Diagnose in den USA auf die deutschen Verhältnisse. In der sozialen Arbeit basiert die Diagnose auf einer strukturierten und systematischen Datenerhebung. Diese Daten werden unter Berücksichtigung individueller und Umweltfaktoren gedeutet und beurteilt. Die soziale Diagnose entsteht unter Einbezug der Anliegen des Klienten und weist einen ersten Weg zur Intervention. Die darauf folgende Intervention führt durch Erfolg oder Misserfolg zur sukzessiven Anpassung der Diagnose.

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