• Geschicklichkeitstherapie

     

Geschicklichkeitstest

Er begleitet Therapeuten weltweit bereits seit Jahrzehnten vorwiegend in der Neurologie, Handchirurgie und Rheumatologie. Zeit, sich zu fragen, ob der Nine-Hole Peg Test auch in der heutigen Zeit noch Gültigkeit hat.

Beim Nine-Hole Peg Test (NHPT) steckt der Patient mit einer Hand neun Stifte in ein Steckbrett und legt sie anschließend wieder in einen Behälter zurück. Der Therapeut stoppt die Zeit und kann hieraus Rückschlüsse auf Feinmotorikstörungen ziehen. Der Test eignet sich beispielsweise für Patienten nach Schlaganfall, mit Multipler Sklerose, Karpaltunnel-Syndrom und Rheumatoider Arthritis.Zum ersten Mal beschrieb eine Forschungsgruppe um Kellor 1971 den NHPT sowie erste Normwerte anhand einer Stichprobe von 250 Personen. 1985 entwickelten Mathiowetz und Kollegen den NHPT weiter und publizierten eine exakte Bauanleitung, ein standardisiertes Testprotokoll und Untersuchungen zu den Gütekriterien. Zudem stellten sie anhand einer Stichprobe von 628 gesunden Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 94 Jahren eine Tabelle mit altersentsprechenden Normwerten zusammen. Seit 2005 liegen auch Werte für Kinder und Jugendliche im Alter von 4–19 Jahren vor.

Patient steht unter Zeitdruck → Die Testanleitung haben Mathiowetz und Kollegen ausführlich beschrieben: Der Patient sitzt an einem Tisch. Das Steckbrett liegt vor ihm auf einer rutschfesten Un¬terlage, der Behälter mit den Stiften steht neben dem Steckbrett auf der Seite der zu testenden Hand. Zuerst wird die dominante Hand getestet. Der Therapeut gibt folgende Anweisung: „Ergreifen Sie nur mit Ihrer rechten (oder linken) Hand einen Stift nach dem anderen und stecken Sie diese in beliebiger Reihenfolge in die Löcher, bis alle gefüllt sind. Dann entfernen Sie Stift für Stift und legen sie in den Behälter zurück.“ Der Patient darf das Steckbrett mit der anderen Hand stabilisieren. Zuerst empfiehlt sich ein Probedurchgang, bei dem der Patient testet, wie schnell er die Aufgabe meistern kann. Beim eigentlichen Test soll er dann so schnell wie möglich arbeiten. Der Therapeut stoppt die Zeit und gibt während des Tests immer wieder das Kommando „Schneller“. Der Therapeut startet die Stoppuhr, sobald der Patient den ersten Stift berührt, und stoppt sie, sobald der letzte Stift wieder im Behälter liegt. Danach erfolgt der Test mit der nichtdominanten Hand.

In der Multiple Sclerosis Functional Composite, einer Assessment-Sammlung zur klinischen Evaluierung des Outcomes von Patienten mit MS, steht folgende Ergänzung (übersetzt aus dem Englischen): „Fällt ein Stift auf die Tischplatte, heben Sie ihn bitte auf und fahren Sie mit der Aufgabe fort. Fällt er auf den Boden, fahren Sie mit der Aufgabe fort, und ich werde ihn für Sie aufheben.“ Eventuell wäre es jedoch sinnvoller, den Test in diesen Fällen neu zu starten.

Für Patienten mit mittlerer bis guter Handfunktion geeignet → Der Therapeut sollte den Test abbrechen, wenn der Patient zu viel Zeit benötigt. Eindeutige Zeitangaben gibt es nicht. Viele Autoren empfehlen maximal 50 Sekunden, da bei längeren Testzeiten die Zuverlässigkeit der Messwerte abnimmt. Der NHPT eignet sich daher vor allem für Patienten mit mittlerer bis guter Handfunktion. Die zeitliche Begrenzung ist besonders bei neurologischen Patienten sinnvoll, da die Ermüdung bei ihnen sehr deutlich wird. Dementsprechend variieren die Messzeiten stark, wenn Patienten den Test mehrmals durchführen. Für Patienten mit einer schlechten Handfunktion empfiehlt sich der Box & Block-Test, bei dem die feinmotorischen Anforderungen geringer sind. Veränderungen der Testzeiten von mindestens 20 Prozent werden als eindeutige Verbesserung bzw. Verschlechterung bewertet und gelten nicht mehr als zufällig.

Erfasst nur Teilaspekte der manuellen Geschicklichkeit → Die manuelle Geschicklichkeit spielt in allen Lebensbereichen eine zentrale Rolle. Chan definiert sie als „geschickte und kontrollierte Manipulation eines Werkzeuges oder Gegenstandes mit den Fingern“. Klavier spielen, schreiben, Schuhe binden oder einen Faden in eine Nadel einfädeln sind Beispiele für einhändige und bimanuelle feinmotorische Aktivitäten. Ein idealer Test sollte im Prinzip über all diese Facetten Aussagen treffen. Doch bei den fast unbegrenzten Einsatzmöglichkeiten der Hand ist dies unmöglich. So kann auch der NHPT nur einen Teilaspekt der manuellen Geschicklichkeit erfassen. Fähigkeiten wie die Manipulation von Gegenständen in der Hohlhand, bimanuelle feinmotorische Leistungen oder die Translation von Objekten zwischen den Langfingern bleiben unberücksichtigt. Auch in Bezug auf die Grifffassung deckt der NHPT nicht das komplette Spektrum ab: Der Lateralgriff wird beispielsweise nicht getestet. Zudem misst er die Leistungen der Patienten lediglich auf Aktivitätsebene des ICF. Fest steht, dass ein Patient für den NHPT nicht nur eine gewisse Handgeschicklichkeit, sondern auch eine gute Armfunktion benötigt.

Liegt zum Beispiel eine ausgeprägte proximale Armparese vor, bewegt der Patient seine Hand langsamer zu Steckbrett und Behälter als Patienten mit normaler Armkraft. Zu beachten ist auch, dass der NHPT nichts über die Ursache der Feinmotorikstörung (Parese, sensibles Defizit, kognitive Defizite, Schmerzen) aussagt. Er ersetzt die Anamnese und klinische Untersuchung nicht, er ergänzt sie lediglich.Die Gütekriterien des NHPT sind befriedigend: Er zeigt eine gute Konstruktvalidität im Vergleich mit dem Barthel-Index ( PHYSIO-PRAXIS 1/06, S. 28) und hat somit durchaus eine gewisse Aussagekraft im Bereich von Alltagsaktivitäten. Die empirische Validität, der Zusammenhang zwischen Feinmotorikstörungen und Testergebnissen, erwies sich als schwach bis moderat. Die Interrater-Reliabilität bezeichnen die Forscher als exzellent, die Retest-Reliabilität als moderat.Mehrere Studien kommen zu dem Schluss, dass bei wiederholter Testung ein signifikanter Lerneffekt eintritt. Für die Therapie bedeutet dies, dass mit dem NHPT immer nur zwei aufeinanderfolgende Messungen durchgeführt werden sollten. Der bessere Wert dient als Referenz. Zudem ist es empfehlenswert, den NHPT ausschließlich als Messinstrument zu nutzen und nicht als Training der Feinmotorik.

Lässt sich gut in die Therapie integrieren → Physiotherapie soll wirksam, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Dies können Therapeuten im Bereich der manuellen Geschicklichkeit mit dem NHPT als sensitives Messverfahren schnell und leicht ermitteln. Den Patienten gibt er wertvolle Informationen über ihre Fortschritte und dient als Motivator. Der geringe Zeitaufwand, die leicht verständliche Anleitung und das standardisierte Vorgehen ermöglichen es, den NHPT gut in die tägliche Arbeit zu integrieren.

 

Aus der Zeitschrift physiopraxis 1/2016; Geschicklichkeitstest; Kaspar Herren, Markus Kraxner

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