• Deep Squat: Herr Sammer shiftet bei der Kniebeuge nach rechts und entlastet damit seine linke Seite. Die Beinachse geht bei dem Test in eine Valgusstellung. Da Herr Sammer trotz erhöhter Fersen den Squat nicht sauber ausführen kann, bekommt er eine 1(a).

     
  • In-Line Lunge: Beim zweiten Test kann er die Bewegung durchführen und den Stab an den drei Punkten Hinterkopf-BWS-Sakrum halten. Allerdings verliert der Stab beim Rückweg aus der tiefen Einbeinkniebeuge kurz den Kontakt zum Sakrum.

     

Korrigierende Übungen

Functional Movement Screen Teil 2: Der FMS wurde entwickelt, um Defizite in den Bewegungsmustern gesunder Athleten aufzuspüren. Doch auch Menschen mit Beschwerden können davon profitieren. In physiopraxis 4/2013 haben Oliver Schmidtlein und Matthias Keller den FMS vorgestellt. Nun zeigen sie anhand eines Falls, wie sie ihn in der Praxis einsetzen.

Der amerikanische Physiotherapeut Gray Cook entwickelte den Functional Movement Screen (FMS), um Aktive und Sportler, vor allem aber um Mannschaften zu screenen. Der Grundgedanke bei dieser Testbatterie ist, Defizite in den Bewegungsmustern gesunder Athleten zu erkennen, diese Defizite zu korrigieren und die Athleten dadurch langfristig vor Verletzungen und Überlastungen zu bewahren (physiopraxis 4/13, S. 26, „Functional Movement Screen“). Wir haben in unserer Praxis jedoch festgestellt, dass der FMS und die daraus folgenden „Corrective Exercises“ nicht nur für Sportler geeignet sind, sondern auch für Patienten, die mit atraumatischen Beschwerden zu uns kommen. Herr Sammer, der seinen richtigen Namen hier nicht lesen möchte, war einer davon.

Schmerzen im linken Knie

Martin Sammer, ein 43-jähriger Rechtsanwalt, kam mit der Diagnose „Patellofemorales Schmerzsyndrom links“ Mitte Januar 2013 in unsere Praxis. Laut bildgebender Verfahren hatte er keine strukturelle Schädigung oder Degeneration am Kniegelenk. Auch biomedizinische Risikofaktoren hatte Herr Sammer nicht. In der Anamnese zeigte sich, dass er seit rund zwei Jahren in unregelmäßigen Abständen an anteriormedialen Knieschmerzen litt. Die Beschwerden, die er auf der visuellen Analogskala mit 3-4 von 10 angab, traten zu Beginn vor allem nach längeren Belastungen wie Joggen oder nach Skitouren auf. Vier Wochen vor seinem ersten Termin bekam er jedoch schon Schmerzen, nachdem er die drei Stockwerke zu seiner Kanzlei nach oben gestiegen war. Die Beschwerden hielten, je nach Belastung, bis zu einem Tag an. Während der Belastung selbst schmerzte das Knie nicht.

Herr Sammer ist verheiratet und hat keine Kinder. Mit seiner Frau und seinen Freunden nutzt er jede freie Minute, um in der Natur aktiv zu sein. Mehrmals im Monat geht er im Winter Skitouren von jeweils bis zu vier Stunden. Im Sommer fährt er vor allem Mountainbike in den Bergen. Zudem geht er seit mehreren Jahren regelmäßig ins Fitnessstudio. Aufgrund der Symptome und der Angst, „etwas im Knie kaputt zu machen“, ging er derzeit lediglich zum Fitnesstraining, hatte jedoch das Gefühl, dass ihn dieses Training nicht mehr weiterbringt. Herr Sammer fühlte sich im Allgemeinen steif und unbeweglich und hatte den Eindruck, dass seine Beinkraft in den letzten Jahren abgenommen hat. Sein Ziel für die Therapie war es, noch in dieser Skisaison mit seinen Freunden wieder Touren gehen zu können. Er war motiviert, an seinen Schwächen zu arbeiten und ein Eigentraining durchzuführen.

Beim Lysholm-Score, einem Fragebogen zu Knieschmerzen und -funktion, erreichte Herr Sammer 66 von 100 Punkten.

Oberkörpershift und Hüftmuskelschwäche

Bei der Untersuchung zeigte sich im Zweibeinstand ein Lateralshift des Oberkörpers nach rechts sowie eine im Seitenvergleich größere Valgusstellung der Beinachse im Einbeinstand auf der linken Seite. Bei der Muskelfunktionsprüfung fiel auf, dass die Außenrotatoren des Hüftgelenks links schwächer waren als rechts. Die translatorische Gelenkuntersuchung des Kniegelenks, Provokationstests für den Meniskus sowie die Stellung der Patella waren unauffällig.

Hypothese: defizitäres Bewegungsmuster

Herrn Sammers Beschwerden traten nicht bei einer speziellen Bewegung oder in einer bestimmten Position auf, sondern nach einer bestimmten Anzahl zyklischer Belastungen. Wir kamen zu der Hypothese, dass der kumulative Effekt von vielen Wiederholungen eines defizitären Bewegungsmusters eine mögliche Ursache für eine lokale Überlastung und damit verbundene nozizeptive Mechanismen sein könnte. Die Angst, das Kniegelenk zu verletzen sowie die Sorge, seinen sportlichen Aktivitäten nicht mehr nachgehen zu können, könnten bei Herrn Sammer beitragende Faktoren auf psychosozialer Ebene sein.

Die Übungen und den ganzen Artikel finden Sie hier Korrigierende Übungen.

 

Die Autoren


Oliver Schmidtlein und Matthias Keller sind Physiotherapeuten und arbeiten bei OSPHYSIO training & therapie in München.
Zudem sind die beiden Dozenten beim OS Institut Bewegung für Orthopädie und Sportmedizin.