• Diagnostische Erklärungen seitens des Gesundheitspersonals können das Coping-Verhalten und das Behandlungsempfinden von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen beeinflussen.

     

Erklärende und diagnostische Kennzeichnungen und empfundene Prognose bei chronischen lumbalen Rückenschmerzen

Sloan TJ, Walsh DA. Spine 2010; 35: E1120–E1125

Zusammenfassung:

Ziel

Untersuchung der von den Patienten und dem Gesundheitspersonal zur Beschreibung von Rückenschmerzen verwendeten Sprache und ihre mögliche Auswirkung auf die vom Patienten empfundene Prognose.

Hintergrund

Diagnostische Erklärungen seitens des Gesundheitspersonals können das Coping-Verhalten und das Behandlungsempfinden von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen beeinflussen. Obwohl die Korrelation zwischen radiologischen Veränderungen und chronischen Rückenschmerzen gering ist, benutzen Kliniker diese Untersuchungen oft als Erklärung für die zugrundeliegende Schmerzursache.

Methode

80 Patienten wurden zu ihrem Verständnis bezüglich der zugrundeliegenden Mechanismen und Auftreten ihrer Schmerzen sowie dem erwarteten Behandlungsergebnis befragt. Die aufgezeichneten Ergebnisse der Interviews wurden zusammen mit der Korrespondenz von Ärzten in der Primärversorung, Orthopäden und Schmerzspezialisten sowie radiologischen Befunden der lumbalen Wirbelsäule dieser Patienten transkribiert.

Ergebnisse

2 Hauptkategorien repräsentierten die dominante Themen „Degeneration“ und „mechanical“ (mechanisch). Degenerative Begriffe wie „wear and tear“ (Verschleiß) und „disc space loss“ (reduzierte Bandscheibenhöhe) indizierten einen progressiven Verlust der strukturellen Integrität. Beispiele von Patienten-Formulierungen waren „deterioration“ (die Wirbelsäule zerbröckelt und kollabiert (discs wearing out). Der Gebrauch dieser degenerativen Begriffe von Patienten stand im Zusammenhang mit deren schlechter wahrgenommener Prognose. Patienten benutzten häufiger degenerative und mechanische Begriffe, wenn sie in den Dokumentationen der Spezialisten vorkamen (p = 0,03 bzw. 0,01).

Schlussfolgerung

Begriffe wie Degeneration und Verschleiß sind für Patienten nicht hilfreich. Kliniker sollten die Sprache in radiologischen Befunden vorsichtig interpretieren und den Patienten deutlich erklären. Diese Erklärungen tragen dazu bei, wenig hilfreiche Meinungen/Vorstellungen zu vermeiden.

Kommentar

Die Studie zeigt, dass Patienten oft die Wortwahl (degenerativ, mechanisch) des medizinischen Personals übernehmen und daraus ihre Überzeugungen ableiten. Daher sollten Kliniker/Therapeuten ihre Formulierungen mit Bedacht auswählen, wenn sie radiologische Befunde erklären und weniger Furcht einflößende Begriffe verwenden. So könnten sie z. B. degenerative Veränderungen mit den „inneren Falten“ unseres Körpers vergleichen: So wie wir mit dem Alter äußere Falten bekommen, entwickeln wir auch innere Falten, die aber keine Probleme verursachen.

 

Korrespondenzadresse

Dr. Brigitte Tampin, PhD, PT
Perth
West Australien
eMail: bvdh@iinet.net.au