• Medical Yoga

    Rückbeugehaltungen und Bewegungen erfordern hohe Dehnbarkeit und Länge der ventralen Strukturen. Gefordert sind insbesondere die Öffnung der Leisten und das Streckvermögen von Brustwirbelsäule und Thorax.

     

Rückbeugen: Spiel mit der Schwerkraft

Fokus: Global-Extension – Streckung Wirbelsäule und Brustkorb

Kindesentwicklung: Rückbeuge im Säuglingsalter

Moshe Feldenkrais liebte es, in seinen Seminaren ein Foto zu zeigen, das einen Säugling in gestützter Bauchlage wie die „Kobra“ mit erhobenem Kopf zeigt. Die reflektorische Kopfhaltung ist hier genau die gleiche, wie sie es bei einem idealen Erwachsenen mit Idealkopf sein würde. Der Kopf wird gehoben, bis die Augen auf einer Ebene sind mit dem Horizont und so frei gehalten, dass er sich nach rechts und links so weich und geschmeidig wenden kann, als dies dem menschlichen Nervensystem überhaupt möglich ist. Der übrige Körper ist so gebeugt, dass die Stellung der Halswirbelsäule dem Kopf auf Atlas und Axis die größtmögliche Bewegungsfreiheit gewährt. (Feldenkrais, 1978).

Der Säugling in Kobrahaltung stimuliert die Gleichgewichtsinformationen, die für spätere Bewegungsformen so wichtig sind. Es ist sein erstes Spiel mit dem „Geist der Schwere“ (Nietzsche), Grundstein für die Schwerkraftsicherheit. Er entdeckt, dass die Schwerkraft seinen Kopf schwermacht, und lernt, mit ihr umzugehen. Er bildet den Tonus der streckenden „Antischwerkraft-Muskeln“ aus und verlagert seinen Schwerpunkt nach unten für stabile Erdung. Etwas später übt er dann die „Bauchstreckhaltung“. Im Yoga entspricht dies einer Variation der „Heuschrecke“ (Shalabhasana), bei der Oberkörper, Arme und Beine gleichzeitig mit Streckung angehoben werden.

Diese Position stellt einen vitalen Schritt für die Ausbildung von Muskeln dar, die für das Drehen,
Aufstehen und Gehen wichtig sind. Ältere Kinder, welche diese Position nicht einnehmen können, haben öfters Probleme, Schwerkrafteinwirkungen und Körperbewegungen in Einklang zu bringen. (Ayres, 1992).

Der Säugling in Kobrahaltung demonstriert eine freie Kopfhaltung und eine umfassende Beweglichkeit der Wirbelsäule. Ein „durchschnittlicher“ Erwachsener in der Kobrahaltung wirft den Kopf mit stark gebogener Halswirbelsäule in den Nacken und lässt dabei den Brustkorb steif. Er kann den Kopf in Bauchlage nicht anders heben, die umfassende Beweglichkeit ist nicht
mehr vorhanden. Daher kommen Asana mit Rückbeugen an letzter Stelle, sie setzen funktionelle
Stabilität von Kopf und Becken sowie plastische Beweglichkeit des Brustkorbs voraus.

Ein instabiles Becken kann das kleine Einmaleins der Stabilität in wenigen Stunden lernen. Ein festgefahrener steifer Brustkorb braucht vergleichsweise mehr Zeit. Geduld und nochmals Geduld – die Kunst des „Langen Atems“ ist angesagt. Entscheidend ist, am Ball zu bleiben, tiefer in den Prozess der Aufrichtung einzusteigen. Fünf Übungen für ewige Jugend und Schönheit? Pille, Säftchen, ultimatives Powertrainingsgerät oder ein Supermuskel XYZ sollen Null-kommaplötzlich alle körperlichen Probleme lösen? Geht nicht! Selbst im Yoga gibt es keine Wundermittel, nicht mal in Kombination mit Spiraldynamik. Vielmehr geht es um einen ehrlichen und authentischen Prozess der Verfeinerung.


Brustkorb statt Rippenkäfig: Die Kunst des langen Atems

Ein idealer Brustkorb ordnet sich zwanglos in die Aufrichtung zwischen Kopf und Becken ein. Die „Augen des Herzens“ unter den Schlüsselbeinen „öffnen sich im aufrechten Stand“. Die Rückbeuge ist die natürliche Fortsetzung dieses Prozesses, geht einen Schritt weiter, indem sie den Brustkorb aufwölbt.

In der Realität offenbart eine Korrektur das nächste Defizit, Probleme werden nicht mit einem Schlag behoben, sondern verlagern sich. Typisches Beispiel: Sie stehen im Hohlkreuz und geben im unteren Rücken Länge. Als Folge davon erscheinen die Strukturen weiter oben plötzlich als zu kurz, der obere Brustkorb sinkt ab, die Schultern runden sich vor. Das Problem der fehlenden Aufrichtung zwischen den Polen Kopf und Becken hat sich vom Hohlkreuz zum Rundrücken verlagert. Verkürzungen und
Verspannungen werden durch das Muskel-Faszien-Netz übertragen. Nur die ideale Durchlässigkeit
hält nirgendwo fest, lässt Bewegung frei fließen.

Steigen Sie also beherzt ein in die Brustkorbarbeit, steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein. Yoga ist ein ausgefeiltes Übungssystem, das mit seinen Drehungen und Rückbeugen dem Brustkorb zu seinem angestammten, aber oft verlorenem Recht verhilft. Im Unterschied zu Drehungen, die alltagstauglich sind und sich in fast alle Bewegungsabläufe integrieren lassen, müssen Rückbeugen eigens geübt werden. Insbesondere bei den Rückbeugen lohnt es sich, mit den Polen Kopf und Becken zu beginnen. Körperarbeit unter Berücksichtigung des Polaritätsprinzips ermöglicht erfahrungsgemäß raschere und deutlichere Lernfortschritte, motiviert und steigert rundum das Wohlbefinden.

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