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Akademisierung: Die vollständige hochschulische Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie ist notwendig und machbar

Im Jahr 2018 haben wir bildungs-, gesundheits- und berufspolitisch bewegte Zeiten durchlebt. Politische Spitzentreffen wechselten sich mit Informationsveranstaltungen für Parlamentarier ab, die Ausbildung und die berufliche Situation wurden in Trippelschritten reformiert, immer gerade nur so weit, wie es die Hoffnung auf Verringerung des politischen Drucks in Bund und Ländern seitens der Regierenden als nötig erscheinen lässt.

Die Ausbildungsflickschusterei in den Therapieberufen von der (Teil-)Abschaffung des Schulgeldes bis zur Zahlung einer Ausbildungsvergütung für einen kleinen Teil der Schülerschaft scheint aber eher die Unruhe zu nähren.

In dieser Situation ist es etwas Besonderes, dass umfassende konzeptionelle Perspektiven zu den anstehenden Reformen der Ausbildung und Berufsgesetze entwickelt werden und eine breite verbandliche Unterstützung finden. Das Strategiepapier des Hochschulverbunds Gesundheitsfachberufe (HVG) und des Verbunds für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen (VAST) begründet und belegt die Notwendigkeit und Machbarkeit der vollständigen hochschulischen Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie in primärqualifizierenden Studiengängen mit einem Übergangszeitraum von 10 – 15 Jahren. (Der HVG ist ein Zusammenschluss von 38 Hochschulen mit Therapiestudiengängen und 18 Berufsfachschulen, die in Kooperation mit Hochschulen Studiengänge mitgestalten. In VAST sind derzeit 5 Schul- bzw. Lehrerverbände organisiert).

Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK), der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) und der Verband Physikalische Therapie (VPT) unterstützen dieses Ziel. Diese Einigkeit ist neu und sehr erfreulich; besonders bemerkenswert ist jedoch, dass auch die Mitgliedsverbände des VAST das Papier unterstützen. Die in VAST organisierten Schul- bzw. Lehrerverbände der Therapieberufe (u.a. der Verband der leitenden Lehrkräfte in der Physiotherapie (VLL)) stellen damit die bisherige traditionelle Rolle der Schulen als Ausbildungsinstitutionen mit dem Ziel einer adäquaten Weiterentwicklung der Ausbildung zur Disposition.

Notwendigkeit der hochschulischen Primärqualifizierung

Die hochschulische Primärqualifizierung (hierbei liegt die Verantwortung für die theoretische und praktische Ausbildung und die staatliche Prüfung ausschließlich bei der Hochschule) der Therapieberufe ist notwendig, weil sie die Voraussetzung einer zukunftssicheren, qualitativ hochwertigen Versorgung aller Patienten darstellt. Es hat sich mittlerweile ein umfassender internationaler Bestand an wissenschaftlichem und forschungsbasiertem Grundlagen-, Theorie- und Praxiswissen entwickelt, nicht nur im Hinblick auf therapeutische Interventionen, sondern auch Diagnostik, Prognose, Patientenorientierung, etc. Angesichts der zunehmenden Komplexität der Behandlungsanforderungen kann das verfügbare Wissen nur von akademisch ausgebildeten Therapeuten zum Wohle aller Patienten rezipiert, individualisiert und evidenzbasiert angewendet und systematisch weiterentwickelt werden. Aus diesem Grund werden Therapeuten in allen europäischen Ländern – außer Deutschland – flächendeckend in primärqualifizierenden Studiengängen ausgebildet.

Zudem kann nur an Hochschulen die systematische Entwicklung einer Therapiewissenschaft und Forschung erfolgen. Deutschland spielt in der internationalen Landschaft der klinisch-therapeutische Forschung bislang nur eine randständige Rolle und bildet das europäische Schlusslicht einer wissenschaftsbasierten Versorgung.

Nicht zuletzt ist auch ein Beitrag zur dringend notwendigen Steigerung der Attraktivität der Therapieberufe zu erwarten. Insbesondere in der Physiotherapie bestehen bereits deutliche Engpässe am Arbeitsmarkt – die therapeutische Versorgung steht kurz vor einer Situation, die wir als Notstand in der Pflege bereits kennen. Eine hochschulische Primärqualifizierung ist ohne eine finanzielle Aufwertung der Therapie und eine Ausweitung der Kompetenzen in der therapeutischen Praxis kaum denkbar.

Machbarkeit der hochschulischen Primärqualifizierung

In dem von HVG und VAST entwickelten Strategiepapier werden unter anderem Berechnungen zum Bedarf an Studienplätzen und Studiengängen in Deutschland und Ansatzpunkte zur Gestaltung eines Übergangs in einem Zeitraum von 10 – 15 Jahren vorgestellt. Um den heutigen Ausbildungsumfang zu erhalten, müssten in einem Zeitraum von 15 Jahren pro Bundesland durchschnittlich 0,5 Studiengänge pro Jahr bzw. alle 2 Jahre ein Studiengang eingerichtet werden. Danach wären die derzeit noch knapp 13 000 berufsfachschulischen Ausbildungsplätze in Studienplätze umgewandelt.

Mit Blick auf die derzeit noch überwiegend nicht wissenschaftlich ausgebildeten Therapeuten und Lehrkräfte an Berufsfachschulen wird im Strategiepapier auf unterschiedliche Übergangsmodelle hingewiesen. In Österreich etwa wurden die Ausbildungen der bereits im Beruf tätigen Therapeuten den hochschulischen Bachelor-Abschlüssen gleichgestellt. Zudem werden in dem Strategiepapier auch finanzielle und rechtliche Aspekte erörtert.

Ausblick

In bisherigen Diskussionen zu den Zielen und Inhalten des Strategiepapiers zeigte sich, dass es im politischen Raum sowohl Unterstützer als auch Gegner der vollständigen hochschulischen Primärqualifizierung gibt. Es ist eine Aufgabe, nicht nur für den HVG und VAST, politische Akzeptanz und Unterstützung zu fördern und zu fordern, aber auch konstruktiv auf Bedenken und Probleme einzugehen. So müssen z. B. die zukünftige Rolle der heutigen Schulen und das Übergangsmanagement konzeptionell genauer gefasst werden.

Vor allem mangelt es im politischen Raum aber weiterhin an dem Verständnis dafür, dass

  • die quantitativ und qualitativ ansteigenden Versorgungsbedarfe erweiterte Qualifikationen erforderlich machen,
  • eine 12-jährige Schulausbildung auch für die Therapieberufe eine zentrale Ausgangsvoraussetzung sein sollte und
  • die in einen umfassenderen Professionalisierungsprozess eingebettete hochschulische Primärqualifizierung hilft, den Fachkräftemangel in der therapeutischen Versorgung zu vermeiden, anstatt ihn zu verschärfen.

Diese Aspekte noch besser und öffentlichkeitswirksamer zu kommunizieren, ist dringend geboten, da die Reform der Berufsgesetze und der Ausbildung nicht mehr allzu fern in der Zukunft liegen.

Eine Möglichkeit zur Beteiligung an den anstehenden Diskussionen bietet der HVG im Juni 2019 mit einer Fachtagung zu den zukünftigen Kompetenzen und Aufgaben hochschulisch ausgebildeter Therapeuten im Hinblick auf die Berufsgesetze. Näheres finden Sie unter: www.hv-gesundheitsfachberufe.de.

Aus der Zeitschrift: physioscience 01/2019

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