report München: physiopraxis hakt nach

Der Bericht „Grauzone Physiotherapie – Das Geschäft mit den Schmerzen“ in „report“ (2. Dezember 2014, ARD) sorgt für Aufsehen. Auf unserer Facebook-Seite „Thieme liebt Physiotherapeuten“ haben bereits hunderte Fans dagegen protestiert, wie negativ und teilweise sogar falsch die Physiotherapie in diesem Bericht dargestellt wurde. Die physiopraxis-Redaktion des Georg Thieme Verlags hat den Protest aufgenommen und den Bayerischen Rundfunk (BR) um Stellungnahme gebeten. Die Stellungnahme von report München finden Sie unterhalb der Anfrage unserer physiopraxis-Redaktion.

Sehr geehrtes Team von report München,


Ihr Beitrag „Grauzone Physiotherapie – das Geschäft mit den Schmerzen", der am 2.12.14 ausgestrahlt wurde, hat unter Physiotherapeuten einen massiven Aufschrei ausgelöst. Zu den bisher 321 Kommentaren auf Ihrer Seite „blog.br.de/muenchen“ kamen mehrere hundert auf verschiedenen Physiotherapie-Facebook-Seiten hinzu, unter anderem „Thieme liebt Physiotherapeuten“. Der Tenor war unisono: Physiotherapeuten empfanden viele der Inhalte als schlecht recherchiert oder in einen falschen Kontext gesetzt und fühlten sich dadurch in sehr schlechtem Licht dargestellt.
Dieser Meinung können wir uns von der Redaktion physiopraxis nur anschließen. Wir haben einige Ihrer Aussagen aus dem Bericht zusammengetragen und möchten Sie bitten, dazu Stellung zu nehmen:

  1. In der Anmoderation heißt es, dass Millionen Patienten jeden Tag behandelt werden. Danach wird behauptet: „Helfen tut es oft nicht, der Schmerz ist unverändert da.“

    Wir fragen uns: Auf welchen Quellen stützt die Behauptung, Physiotherapie würde bei Schmerzen oft nicht helfen?

  2. Es wird gesagt: „Dann geht es zum nächsten Physiotherapeuten mit immer neuen, teuren Angeboten.“

    Hier wird suggeriert, dass der Patient direkt zum Physiotherapeuten geht und dort „teure Angebote“ für Therapien bekommt. Fakt ist jedoch, dass der Patient zum Arzt geht und von diesem eine Verordnung erhält. Für eine Sitzung „Krankengymnastik“, die mindestens 15 Minuten dauern muss – die meisten Praxen behandeln mindestens 20 Minuten –, erhält ein Physiotherapeut von den gesetzlichen Krankenkasse rund 15 Euro, für eine Sitzung „Manuelle Therapie“ rund 17 Euro.

  3. Sie zeigen Beispiele zweier hoch chronifizierter Patienten, bei denen Physiotherapie – nach eigenen Aussagen – nicht geholfen hat: „Die wissen nicht, was sie machen sollen, die haben keine Erfahrung damit“, sagt Herr Ambros. Frau Pfeifer „probiert immer neue Therapeuten aus, sie fühlt sich wie ein Versuchskaninchen: Irgendwie kommt´s mir richtig vor wie Willkür – so nach der Devise: Wir probieren jetzt mal das aus, ob es Ihnen gut tut, wenn das nicht so ist, dann probieren wir was anderes.“

    Hier wird die Physiotherapie alleine dafür verantwortlich gemacht, dass es den Patienten so schlecht bzw. nicht besser geht. Die Physiotherapie ist aber nur einer der Bausteine in der Therapie von Patienten mit chronischen Schmerzen.
    Zudem fragen wir uns: Warum kommen nicht zwei der unzähligen anderen Patienten mit chronischen Schmerzen zu Wort, denen es durch Physiotherapie wieder viel besser geht? Könnte es sein, dass Menschen, die mit etwas unzufrieden sind, eher dazu neigen, ihre Unzufriedenheit öffentlich zu machen als diejenigen, die zufrieden sind?

  4. Sie sagen: „Die Branche boomt wie nie. Krankengymnastik neben Fitness-, Relax-, Wellness- und Beauty-Angeboten. Patienten sind den Geschäftspraktiken vieler Therapeuten ausgeliefert. Denn der Markt wird undurchsichtig – und er wächst immer weiter.“

    Hier wird Krankengymnastik mit Relax-, Beauty- und Wellness-Angeboten gleichgesetzt und, unterstützt durch die optische Aufmachung dieser Passage, in ein schlechtes Licht gerückt. Wir fragen uns: Was ist mit „Geschäftspraktiken“ gemeint? Und: Worin besteht die „Auslieferung“ der Patienten? Es gibt genügend Physiotherapeuten – von denen laut Ihrer Recherche 2/3 seriös arbeiten –, sodass der Patient wählen kann.

  5. Es heißt, es gäbe mehr Physiotherapeuten als niedergelassene Ärzte, nämlich 136.000.

    Hier wird die Gesamtzahl aller Physiotherapeuten inklusive den in Krankenhäusern und Praxen angestellten, den Teilzeitkräften, den Lehrern etc. mit der Zahl niedergelassener Ärzte verglichen (die Gesamtzahl aller Ärzte beträgt laut Bundesärztekammer 470.000 im Jahr 2013). Damit wird ein Missverhältnis suggeriert. Was bezwecken Sie mit diesem Vergleich von Äpfeln und Birnen?

  6. Es heißt: „Medizinische Bademeister können sich in kurzer Zeit zum Physiotherapeuten umschulen lassen. Die Folge: Weniger qualifizierte Therapeuten überschwemmen den Markt.“

    Kollegen, die zuerst den Beruf „Masseur und medizinischer Bademeister“ erlernt haben – also bereits eine 2-jährige Ausbildung im therapeutischen Bereich mit beispielsweise Unterricht in Anatomie und therapeutischen Techniken durchlaufen haben – können sich zum Physiotherapeuten weiterbilden. Die kürzeste Weiterbildung dauerte unseres Wissens nach 9 Monate in Vollzeit, die längste 1,5 Jahre in Vollzeit. Wir fragen uns: Worauf stützt sich Ihre Behauptung, dass weitergebildete Masseure weniger qualifiziert seien?

  7. Herr Prof. Glaeske sagt: „Die meisten Therapien, vor allem Massage, (…) sind bei Rückenschmerzen wirkungslos.“ Trotzdem seien Massagen beliebt. „Es wird manches gemacht, wo die Evidenz fehlt.“

    Es ist richtig, dass Massagen bei Rückenschmerzen keine gute Wirksamkeit haben. Darüber, welche Therapie verordnet wird, entscheidet jedoch der Arzt. Stellt dieser eine Verordnung über Massage aus, muss der Physiotherapeut, weil weisungsgebunden, die Therapie durchführen – außer, der Arzt ändert nach Rücksprache des Physiotherapeuten das Rezept.
    „Evidenz“ fehlt tatsächlich noch in vielen physiotherapeutischen Bereichen. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig „fehlender Effekt“. Es bedeutet nur, dass man anhand der vorhandenen Untersuchungen keine Aussage darüber treffen kann, ob eine Therapie hilft, lediglich „unschädlich“ ist oder gar schadet. Auf der anderen Seite werden jedoch gerade bei Rückenschmerzen Verfahren angewendet, bei denen die Evidenz zeigt, dass sie nicht angewandt werden sollten – etwa Röntgenaufnahmen bei akuten Rückenschmerzen (ohne Verdacht auf Fraktur etc.) sowie Operationen bei unspezifischen Rückenschmerzen.
    Außerdem gibt es Felder im Bereich chronischer und akuter Schmerzen, in denen die Physiotherapie gute Wirksamkeitsnachweise hat (entsprechende Quellen können wir gerne bereitstellen).
    Somit werden hier die Fakten in den falschen Kontext gestellt.

  8. Prof. Glaeske sagt außerdem: „Wir sehen eben, dass eigentlich eine aktive Tätigkeit des Patienten notwendig wäre, um tatsächlich auch Therapieerfolge zu erzielen. Das wird oft nicht ausreichend gemacht.“

    Physiotherapie ist prädestiniert dafür, Patienten zu aktivieren bzw. mit aktiven Übungen zu therapieren. Dies ist jedoch nicht möglich, wenn der Arzt beispielsweise „Massagen“ verordnet.
    Wir fragen uns, warum auf die aktivierenden Möglichkeiten der Physiotherapie, die täglich bei vielen Patienten zum Einsatz kommen, nicht eingegangen wird.

  9. Sie gehen mit einem Kassenrezept in eine Privatpraxis und bemängeln, dass Sie ein Alternativangebot (Osteopathie) bekommen, obwohl „der Arzt etwas ganz anderes verschrieben“ hatte.

    Wir fragen uns: Mit welchem Ziel gehen Sie mit einem Kassenrezept in eine Privatpraxis?

  10. Es heißt, in 3 von 9 Praxen gäbe es dubiose Angebote.

    Abgesehen davon, dass die Mehrheit dieser Praxen keine dubiosen Angebote hatten, fragen wir uns, ob Sie eine Stichprobe von 9 Praxen, die, so vermuten wir, in der gleichen Region ansässig sind, für aussagekräftig halten?

  11. Der letzte Satz des Berichts lautet: „Der Ruf einer ganzen Branche steht auf dem Spiel“.

    Wir finden: Das stimmt ... nach dieser Berichterstattung.

Die Stellungnahe von report München

Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Hier unsere Stellungnahme:

Es ging uns zu keinem Zeitpunkt darum, einen ganzen Berufsstand oder die Arbeit der regelkonform arbeitenden PhysiotherapeutInnen in Misskredit zu bringen. Viele Physiotherapiepraxen bieten Leistungen auf ihren Internetseiten an, für die keine Verordnung eines Arztes notwendig ist. Wir setzen Krankengymnastik keineswegs mit anderen Angeboten gleich. Wir stellen im Beitrag fest: „Krankengymnastik, neben Fitness, Relax, Wellness- und Beautyangeboten.“ Wir nehmen also gerade eine Unterscheidung vor. Worauf wir hinweisen, ist, dass neben Krankengymnastik auch diese Leistungen auf zahlreichen Webseiten von Physiotherapie-Praxen beworben werden. Einige dieser Seiten sind auch im Film zu sehen.

Einige der „Geschäftspraktiken“, die wir ansprechen, haben wir in unserer Stichprobe dargestellt. In drei von neun Praxen wollte man uns nur behandeln, wenn wir auf eigene Kosten die Behandlungszeit verlängern. Eine Wahl zwischen der verordneten Kassenleistung und der kostenpflichtig verlängerten Behandlung ließ man uns als Patient in diesen Fällen nicht.
Wir vergleichen die Gesamtzahl der Physiotherapeuten mit einer zweiten Vergleichsgruppe. Diese werden von uns korrekt benannt: „Physiotherapeuten“ bzw. „niedergelassene Ärzte“. Da beide Berufsgruppen mit ähnlichen Problemen und Herausforderungen im deutschen Gesundheitswesen konfrontiert sind, erscheint uns das als durchaus sinnvolle Vergleichsebene.

Bis 1994 konnte die Ausbildung zum Physiotherapeuten „mit einer Berufserlaubnis als Masseur um 6 Monate auf 18 Monate verkürzt werden“, wie uns das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege in einem Schreiben bestätigt hat. Inzwischen reichen bei ausreichender Berufserfahrung als Masseur und medizinischer Bademeister 12 Monate Ausbildung, zusätzlich „können auf Antrag Fort- und Weiterbildungen im Umfang ihrer Gleichwertigkeit von höchstens drei Monaten oder 350 Stunden angerechnet werden“. Das heißt, die ergänzende Ausbildung zum Physiotherapeuten ist für Masseure und Bademeister heute kürzer als noch vor der Gesetzesänderung. In der 12 Monate langen Ausbildung werden zudem einige Inhalte kürzer abgehandelt, als in der klassischen Ausbildung zum Physiotherapeuten. Die genauen Ausbildungsinhalte lassen sich den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen beider Berufe entnehmen.

Wir müssen zwei Ihrer Aussagen korrigieren. Wir behaupten an keiner Stelle in unserem Beitrag, dass Physiotherapeuten Kassenleistungen ohne Verordnung eines Arztes durchführen. Professor Glaeske sagt auch nicht, wie sie behaupten, dass die meisten Therapien bei Rückenschmerzen wirkungslos seien.

Natürlich ist es in einer Privatpraxis nicht möglich, ein gesetzliches Kassenrezept einzulösen. Das behaupten wir auch nicht. Wir sagen stattdessen deutlich: In dieser Praxis, „werden nur Privatpatienten behandelt.“ Wir finden allerdings bedenklich, dass uns eine alternativmedizinische Leistung nahe gelegt wird, welche der Verordnung des Arztes nicht zu 100 Prozent entspricht.

Unser Selbstversuch ist eine Stichprobe ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wir behaupten an keiner Stelle er habe eine statistische Relevanz. Rüdiger von Esebeck vom ZVK verurteilt das Verhalten der „schwarzen Schafe“ in der Branche, das wir mit unserem Selbstversuch dargestellt haben, und bezeichnet es als Vertragsbruch. Es ist unsere Aufgabe als Politmagazin, über solche Missstände zu berichten.

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