Was sind wir uns wert?

KOMMENTAR: Laut ist das Jammern über Unterbezahlung und das Klagen über mangelnde Wertschätzung der physio-therapeutischen Arbeit. Wie einfach und bequem ist es, die Schuld bei den Ärzten, der Gesundheitspolitik oder den Kran-kenkassen zu suchen. Gleichzeitig lassen manche Kollegen und Kolleginnen all die Chancen, die sich ihnen bieten, unge-nutzt: wie ich am eigenen Leib erleben musste.

Die örtliche Stadtverwaltung ruft bei mir mit der Frage an, ob ich mir vorstellen kann, aktiv einen Gesundheitstag mitzugestalten. An einem Tag wird das Rathaus geschlossen bleiben und für alle städtischen Angestellten soll es im Rathaus Angebote, Informatio-nen und Aktionen rund um das Thema Gesundheit geben. Neben Augenoptikern, Hörgeräteakustikern soll natürlich auch ein Physio-therapeut dabei sein. Ich bekunde mein Interesse und stelle ein attraktives Angebot mit Fotos unseres letzten Messestands zu-sammen und korrigiere die Preise ein wenig nach unten (die öff-entliche Hand, so denke ich, hat vielleicht ein paar Euros weniger zur Verfügung als ein mittelständisches Wirtschaftsunternehmen). Ich werde auch informiert, dass man natürlich noch bei anderen Praxen anfragen werde.

Dann kam die Rückmeldung: „Herr Graf, ich muss schon sagen, also Ihr Angebot hat mir wirklich am besten gefallen. Ihr Konzept und auch die Bilder, echt klasse. Ihren Stand haben Sie ja super schön gemacht, mit all den Plakaten und so. Aber wissen Sie, es sind ja noch andere Berufsgruppen da, und wir müssen aufpas-sen, dass sich am Ende nicht alle an Ihrem Stand aufhalten.“ Ich denke, dass das ja wohl ein Luxusproblem sei. Wenn die Dame möchte, dann zaubern wir ihr auch gerne einen unattraktiven Stand. Ich antworte entsprechend. Darauf die Dame vom Amt: „Nun ja, es ist nicht das einzige Problem. Wissen Sie, also Ihr An-gebot - wirklich klasse. Aber ich habe ja noch bei zwei anderen Physiotherapiepraxen angefragt. Und die sehen das als Werbung und würden das umsonst machen.“

Schockiert und sprachlos ringe ich um Fassung: Stand auf- und abbauen, drei geschulte, kompetente und qualifizierte Mitarbeiter-innen einen kompletten Tag lang, Materialien, Vorbereitung etc. für umsonst? Sind meine Kollegen noch ganz bei Trost? Die finan-zieren der örtlichen Stadtverwaltung einen kompletten Gesund-heitstag! Ich weiß, wir Physiotherapeuten verkaufen uns oft unter Wert. Aber müssen wir zu liegen gebliebenen EHEC-Gurken mutie-ren, die am Ende nicht einmal geschenkt jemand will? Mein Fazit: Ich weiß, was ich mir wert bin, und ich werde auch in Zukunft nicht umsonst zu haben sein!

Christopher Graf ist Physiotherapeut und führt seit 15 Jahren eine Praxis in Fellbach.

LESERBRIEF ZUM KOMMENTAR „WAS SIND WIR UNS WERT?“

Ende der Prostitution
Hallo Redaktion, ich möchte Herrn Graf zu seinem Kommentar gra-tulieren. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen! Ich wünschte, alle Physiotherapeuten würden so denken wie er. Qualität hat ihren Preis, egal ob das ein professioneller Stand ist oder eine be-stimmte physiotherapeutische Leistung. Wann begreifen wir das? Die Art und Weise, wie wir uns manchmal „prostituieren“, wird nicht dazu führen, dass wir unser Image als „graue Maus“ verlie-ren. Denn: Mit uns kann man es ja machen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Herrn Graf. Offensichtlich ein Physiotherapeut mit Stehvermögen. Toll!

Herzliche Grüße, Dr. Claus Beyerlein, Physiotherapeut aus Ulm (physiopraxis 1/12)