Testen ja – aber bitte richtig!

Stuttgart, März 2009 – Sowohl im therapeutischen Alltag, als auch in der Forschung greifen Mediziner und Therapeuten häufig auf Tests zurück, um die Leistungsfähigkeit ihrer Patienten bei alltäglichen Verrichtungen zu erfassen. Das ist mit einigem Aufwand verbunden – und der lohnt sich nur dann, wenn der Test auch empfindlich genug ist, um Veränderungen nachzuweisen. Wer es sich beim Entwerfen und Ausfüllen der Fragebögen zu leicht macht und nur wenige Antwortmöglichkeiten vorsieht, spart an der falschen Stelle. "Die Mess-Skala muss fein unterteilt sein", betont Jan Mehrholz, der an der Universität Gera Therapiewissenschaften lehrt. Weshalb Testverfahren sensitiv sein müssen und was mit diesem Begriff genau gemeint ist, erläutert er in der Fachzeitschrift "ergopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Als Beispiel für ein eher unzureichendes Assessment-Verfahren nennt Mehrholz den so genannten Barthel-Index. Er erlaubt dem Behandler – etwa einem Ergotherapeuten – lediglich die Auswahl zwischen zwei Kategorien. In Bezug auf die Körperpflege etwa wird der Patient entweder in die Kategorie "benötigt Hilfe" eingeordnet oder aber für „unabhängig“ befunden. Bei solch einfach strukturierten Tests ist zwar das Kreuzchen schnell gemacht – Therapieerfolge lassen sich damit aber kaum nachweisen. "Wenn der Untersucher die Leistung des Patienten nicht genau abstufen kann, treten leicht so genannte Boden- und Deckeneffekte auf", sagt Jan Mehrholz. Unter einem Bodeneffekt versteht man dabei die Tatsache, dass Patienten trotz wahrnehmbarer Fortschritte den "Boden" der Testskala – also deren niedrigste Kategorie – nicht verlassen. Ein Patient etwa, der zu Beginn der Therapie nicht in der Lage ist, bei der Körperpflege mitzuhelfen, sich nach einigen Wochen jedoch bis auf kleine Hilfestellungen selbstständig pflegt, hat beachtliche Fortschritte erzielt. Mit dem Barthel-Index ließe sich dieser Erfolg aber nicht messen: Denn nach wie vor wird "Hilfe benötigt". Das Gegenteil beschreibt der Deckeneffekt: Wer seine Körperpflege ohne Hilfe vornimmt, gilt laut Barthel-Index als "unabhängig". Ob diese Aufgabe dem Patienten durchgehend leicht fällt oder ob sie von Woche zu Woche mehr Zeit in Anspruch nimmt, wird hierbei jedoch nicht erfasst.

Kleine Veränderungen lassen sich mit derart groben Tests nicht sichtbar machen. Oft sind es aber gerade die kleinen Fortschritte, die den Patienten ihren Alltag erleichtern und sie dazu ermutigen, weiterhin aktiv bei der Therapie mitzumachen. Für Mehrholz ist die Sensitivität daher die wichtigste Eigenschaft eines Funktionstests. "Leider sind nur wenige der derzeitigen Assessmentverfahren ausreichend empfindlich", bedauert der Therapiewissenschaftler. Als positives Beispiel führt er den so genannten FIM (Functional Independence Measure) an, einen urheberrechtlich geschützten und kommerziell vertriebenen Index, der über eine siebenstufige Bewertungsskala verfügt. Mit einer so feinen Untergliederung lässt sich genau bestimmten, wie viel Hilfe ein Patient benötigt – und nur solche Tests ermöglichen es dem Therapeuten letztlich, die Effektivität seiner Behandlung nachzuweisen.

J. Mehrholz:
Sensibelchen erwünscht!
ergopraxis 2009; 2 (1): 16-17

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