ADHS: Mit Medikamenten zur Ruhe kommen

Stuttgart, Februar 2010 - Zappelphilipps gab es immer schon – doch erst seit die von Ärzten als Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS – bezeichnete Störung medikamentös behandelbar ist, ist sie verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Trotz der medialen Aufmerksamkeit handelt es sich bei der ADHS jedoch nicht um eine kurzlebige Modediagnose, sondern um eine ernstzunehmende Störung, betont Dr. Klaus Skrodzki. Welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie sie wirken, fasst der Forchheimer Kinder- und Jugendarzt in der Fachzeitschrift "ergopraxis" zusammen (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Verschiedenen Schätzungen zufolge leiden zwei bis zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter zumindest milden Formen der ADHS. "Die Betroffenen entwickeln meist schon im Vorschulalter die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität", berichtet Klaus Skrodzki. Jungen seien deutlich häufiger betroffen als Mädchen. Um Fehldiagnosen zu vermeiden, seien eine ausführliche Anamnese sowie sorgfältige neurologisch-motoskopische Untersuchungen nötig.

Die erste Behandlungslinie besteht normalerweise in psychoedukativen Maßnahmen. Dazu zählen pädagogische Interventionen im Unterricht ebenso wie Elterntrainings und andere verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Häufig lässt sich eine medikamentöse Therapie jedoch nicht umgehen. "Auch Ergotherapie, Psychomotorik oder Logopädie erzielen oft erst dann wirkliche Erfolge, wenn die Kinder gleichzeitig medikamentös behandelt werden", betont Klaus Skrodzki. Therapeutisch am wirksamsten sei daher die Kombination aus einer Behandlung mit Medikamenten und psychoedukativen Maßnahmen. Der Einsatz von Medikamenten ist vor allem dann unabdingbar, wenn die Kinder in ihrer Leistung und in ihrem Sozialverhalten deutlich beeinträchtigt sind oder wenn bei den Betroffenen selbst und ihren Eltern ein großer Leidensdruck besteht, sagt der erfahrene Kinderarzt. In einem ungünstigen sozialen Umfeld seien die hyperaktiven, als sehr anstrengend empfundenen Kinder sogar in der Gefahr, emotionale oder körperliche Misshandlungen zu erleiden.

In der medikamentösen Behandlung der ADHS wird meist auf so genannte Stimulanzien zurückgegriffen, insbesondere auf Methylphenidat, das die Wirkung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn verbessert. Mittel zweiter Wahl ist Atomoxetin, das auf den Botenstoff Noradrenalin wirkt. Beide Substanzen führen dazu, dass die Kinder ihre Wahrnehmung, Mimik, Gestik und Körpersprache und damit ihr Verhalten besser der Situation anpassen können. Aufmerksamkeit und Selbststeuerung verbessern sich, die Kinder können besser zuhören und kommen selbst eher zur Ruhe. Nebenwirkungen wie Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit sind meist vorübergehend oder lassen sich mit einer Dosisanpassung oder der Einnahme zu einer anderen Tageszeit leicht in den Griff bekommen, so die Erfahrung von Klaus Skrodzki.

Generell sollte die Behandlung so lange fortgesetzt werden, wie die Problematik weiterbesteht, sagt der Forchheimer Kinderarzt und verweist auf eine Stellungnahme der Bundesärztekammer, wonach die Stimulanzien auch bei langfristiger Einnahme nicht zu einer Abhängigkeit führen.

Den Medikamenten schreibt Klaus Skrodzki dabei eine weit wichtigere Funktion zu, als nur den Kindern und ihren Eltern eine kurzfristige Verschnaufpause zu verschaffen. Seiner Erfahrung nach können die Präparate in manchen Fällen den gesamten schulischen und beruflichen Lebensweg der Betroffenen in geordnete Bahnen lenken. Denn ohne Behandlung bleibt es oft nicht beim kindlichen Zappelphilipp, der sich irgendwann "auswächst" – bei einem Drittel bis der Hälfte der Betroffenen verursacht die Störung auch im Erwachsenenalter noch erhebliche Probleme.

K. Skrodzki:
Pillen für den Zappelphilipp.
ergopraxis 2009; 2 (11/12): S. 20-22

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