Übergewicht: Wie Ärzte die Diätberatung verbessern könnten

Stuttgart, Mai 2013 – Obwohl die WHO die Fettleibigkeit heute als behandlungsbedürftige Krankheit einstuft, wird nur wenigen Patienten eine medizinische Diät verordnet. Eine Ernährungswissenschaftlerin empfiehlt in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) die Unterstützung durch kommerzielle Anbieter. Ein solches Abnehmprogramm war jüngst in einem Vergleich erfolgreicher als haus- und fachärztliche Empfehlungen.

An der internationalen Studie nahmen über 700 Übergewichtige aus England, Australien und Deutschland teil. Sie waren nach dem Los auf eine intensive ärztliche Beratung oder auf das kommerzielle Programm der „Weight Watchers“ verteilt worden. Für alle Patienten war die Teilnahme kostenlos. Beide Diätberatungen waren erfolgreich, doch bei den Weight Watchers war die Gewichtsabnahme höher als unter der hausärztlichen Beratung. Das berichtet die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Christina Holzapfel, die an der Technischen Universität München den deutschen Teil der Studie betreute.

Die deutschen Teilnehmer hatten bei den Weight Watchers nach einem Jahr im Durchschnitt gut dreieinhalb Kilogramm abgenommen gegenüber rund zwei Kilogramm unter ärztlicher Anweisung. Die Teilnehmer, die ihre Diät durchhielten, speckten bei dem kommerziellen Programm im Durchschnitt sogar fünf Kilogramm ab, etwa doppelt so viel wie unter den ärztlichen Diäten. Noch deutlicher war der Unterschied bei den Teilnehmern, die ihr Körpergewicht um mehr als zehn Prozent senken konnten. Dies schafften bei den Weight Watchers 27 Prozent, unter ärztlicher Anleitung dagegen nur 12 Prozent.

Im Unterschied zu den Hausärzten, die in der Studie neun verschiedene Ernährungsstrategien verfolgten, haben die Weight Watchers nur ein Konzept. Im Prinzip hätten die von den Ärzten eingesetzten Methoden zur Gewichtsreduktion durchaus ein Verbesserungspotenzial, findet die Ernährungsexpertin Dr. Holzapfel. In der Praxis würden diese Diäten jedoch am Zeitmangel scheitern und daran, dass die Beratung von den Kassen kaum honoriert wird.

Viele Ärzte stehen kommerziellen Abnehmprogrammen aufgeschlossen gegenüber: In der Studie betrachteten etwa ein Drittel der Ärzte Initiativen wie die Weight Watchers als sinnvolle Alternative, um ihre Patienten bei der Gewichtsreduktion zu unterstützen. Auch die Patienten fühlten sich dort gut aufgehoben: Rund 88 Prozent gaben an, ausreichend oder viel Unterstützung erhalten zu haben. Unter der ärztlichen Beratung waren es immerhin knapp 72 Prozent. In der Arztpraxis fühlten sich aber fast dreimal so viele Patienten „nicht genug“ unterstützt. Ein Grund könnte die fehlende Honorierung der Ärzte sein, glaubt Dr. Holzapfel. Das deutsche Gesundheitssystem erkenne im Gegensatz zur Weltgesundheitsorganisation Fettleibigkeit nicht als Krankheit an. Entsprechende Therapieleistungen würden deshalb nur sehr begrenzt erstattet.

Die Studie wurde von Weight Watchers International finanziert. Die Initiative war zuvor von den Ernährungswissenschaftlern ausgegangen, die die Studie für das britische Medical Research Council konzipiert hatten. Die Ergebnisse wurden ohne Einfluss durch den Sponsor ausgewertet. Dr. Christina Holzapfel und eine Kollegin wurden über Studienmittel finanziert. Der Studienleiter Prof. Hans Hauner, der an der Technischen Universität München den Lehrstuhl für Ernährungsmedizin inne hat, ist Mitglied im International Scientific Advisory Board von Weight Watchers. Die Ärzte erhielten 500 Euro pro Teilnehmer, der die Studie abschloss.

A. Gstettner, C. Holzapfel, J. Stoll, H. Hauner:
Gewichtsreduktion: Evaluation der Möglichkeiten auf hausärztlicher Versorgungsebene und der Patientenzufriedenheit. Ergebnisse einer Gewichtsreduktionsstudie.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (19);
S. 989-994