Psychosoziale Gesundheitsprobleme: Mädchen und Hauptschüler besonders stark betroffen

fzm – Jeder fünfte Heranwachsende in Deutschland leidet an Problemen der psychosozialen Gesundheit. Dies zeigt eine repräsentative Studie der Universität Bielefeld an mehr als 4300 Schülern aus Nordrhein-Westfalen im Alter von elf bis 15 Jahren. Demnach hängt das körperliche und seelische Wohlbefinden deutscher Kinder und Jugendlicher vor allem vom Geschlecht und der sozialen Herkunft ab: Mädchen sind wesentlich stärker beeinträchtigt als Jungen, und Hauptschülerinnen und Hauptschüler haben weit häufiger derartige Probleme als Gymnasiasten. Präventionsstrategien müssten sich besonders auf diese beiden Gruppen konzentrieren, folgern die Gesundheitswissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2010).

Im Leben eines Menschen gilt die Jugend allgemein als Phase der besten Gesundheit. „Für viele gesundheitliche Beeinträchtigungen im Erwachsenenalter wird der Grundstein während der Adoleszenz gelegt“, erläutert Studienleiter Professor Matthias Richter. „Probleme während dieser Phase können später zu chronischen Erkrankungen führen.“ Wie stark das körperliche und psychische Wohlbefinden Heranwachsender von Alter, Geschlecht und Herkunft abhängt, prüften die Bielefelder Forscher durch Befragungen von Schülern der fünften, siebten und neunten Klasse. Dabei achteten sie auch darauf, welchen Schultyp die Befragten besuchten. „Die Wahl der Schule wird durch die soziale Herkunft der Kinder zentral mitbestimmt“, erklärt Professor Richter.

Zwar schätzten 85 Prozent aller Teilnehmer ihre körperliche Gesundheit als gut oder sogar ausgezeichnet ein. Bei den 15 Prozent der unzufriedenen Schüler stießen die Forscher jedoch auf eine deutliche soziale Diskrepanz: Nur zehn Prozent der Gymnasiasten bewerteten ihre Gesundheit eher negativ, aber 21 Prozent der Hauptschüler. Unabhängig von der jeweiligen Schulform klagten Mädchen weit häufiger über Probleme als Jungen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede fanden die Wissenschaftler ebenfalls bei psychosomatischen Beschwerden. Dazu zählen etwa regelmäßige Kopf- oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Nervosität. An mindestens zwei solcher, täglich auftretenden Problemen litten fast 27 Prozent der Mädchen, im Vergleich zu rund 18 Prozent der Jungen. Auch die generelle Lebenszufriedenheit der Schüler schwankte in der Studie je nach Geschlecht und sozialer Herkunft: Während nur zwölf Prozent der Gymnasiasten mit ihrem Leben haderten, war Unzufriedenheit unter den Hauptschülern mit 28 Prozent mehr als doppelt so weit verbreitet. In fast allen untersuchten Kategorien nahmen die Probleme mit steigendem Alter der Schüler zu.

„Relativ viele Jugendliche leiden unter Beeinträchtigungen der psychosozialen Gesundheit“, fasst Professor Richter die Studienresultate zusammen. „Besonders stark betroffen sind Mädchen und Hauptschüler.“ Aus dieser Erkenntnis leitet der Forscher praktische Folgerungen für die Vorbeugung späterer Gesundheitsprobleme ab: „Präventionsstrategien sollten sich vor allem an diese beiden Gruppen richten.“

V. Bohn, K. Rathmann, M. Richter:
Psychosoziale Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen: Die Bedeutung von Alter, Geschlecht und Schultyp.
Das Gesundheitswesen 2010; 72 (5): S. 293-300

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