HIV-Schutz: Pille statt Kondom?

fzm – Die tägliche Einnahme einer Tablette kann möglicherweise vor einer Ansteckung mit dem Immunschwächevirus HIV schützen. Studien zur sogenannten Präexpositionsprophylaxe stehen vor dem Abschluss. Sollten sie eine Wirkung belegen, stünde das Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen, schreiben Experten in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Eine Einnahme von Medikamenten zum Schutz vor Infektionen sei an sich nicht ungewöhnlich, berichten Privatdozent Dr. med. Stefan Reuter vom Universitätsklinikum Düsseldorf und sein Team. Bei der Malaria beispielsweise sei die Präexpositionsprophylaxe seit langem üblich. Auch zur HIV-Vorbeugung wird diese Option diskutiert, seitdem es gut verträgliche Wirkstoffe gibt, die nur einmal täglich eingenommen werden müssen. Einige Wirkstoffe wie Tenofovir und Emtricitabin erreichen laut Dr. Reuter hohe Konzentrationen im Genitalbereich, so dass theoretisch bereits am Ort der Übertragung eine Schutzwirkung erzielt werde. Die Autoren nennen sechs große klinische Studien mit insgesamt 19000 Teilnehmern, in denen die Präexpositionsprophylaxe untersucht wird. Erste Ergebnisse sollen im nächsten Jahr vorliegen.

In einer im Vorfeld in den USA durchgeführten Umfrage haben Dr. Reuter zufolge viele Frauen ihre Bereitschaft erklärt, sich durch die regelmäßige Einnahme von Tabletten vor HIV zu schützen. Jede vierte Frau gab an, dass sie dann seltener auf der Verwendung von Kondomen bestehen würde, sechs Prozent meinten, dass sie aufgrund der Tabletten wohl häufiger ihren Sexpartner wechseln würden.

Dr. Reuter warnt vor Missverständnissen. Es sei bereits jetzt ersichtlich, dass die Tabletten keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Infektion bieten. Sie könnten deshalb bisherige präventive Strategien wie den "Safer Sex" mit Kondomen nicht ersetzen. Eine sinnvolle Anwendung sieht der Infektiologe bei Personen, die sich vor ungeschützten sexuellen Übergriffen nicht schützen können oder bei Paaren mit Kinderwunsch, bei denen ein Partner HIV-infiziert ist. Aber auch für Personen mit einem hohen Infektionsrisiko oder für Prostituierte käme die vorbeugende Pille infrage.

Dr. Reuter vermutet, dass sich die Prophylaxe im Bereich kommerzieller Sexualkontakte kurzfristig selbstständig durchsetzen werde. Er befürchtet, dass sich viele Prostituierte das verschreibungspflichtige Medikament auf dem Schwarzmarkt besorgen könnten – etwa von HIV-Infizierten, die aus wirtschaftlicher Not heraus einen Teil ihrer Medikamente verkaufen. Durch die unzuverlässige Einnahme würden die HIV-Infizierten dann nicht nur ihre eigene Gesundheit gefährden. Sie würden auch die Entwicklung und Übertragung von resistenten HI-Viren fördern, bei denen Medikamente wirkungslos wären.

Von Resistenzen bedroht sind auch Personen, die sich trotz der Präexpositionsprophylaxe mit HIV infiziert haben. Bei einer HIV-Erkrankung benötigen Patienten mindestens drei Wirkstoffe. Dr. Reuter: "Ein HIV-Test vor einer Präexpositionsprophylaxe ist daher zwingend erforderlich und muss regelmäßig wiederholt werden."

Dr. Reuter gibt ferner zu bedenken, dass die Präexpositionsprophylaxe anders als Kondome nicht vor anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen wie Syphilis oder Gonorrhoe schützt. Bei einigen Geschlechtskrankheiten komme es zu Schleimhautgeschwüren im Genitalbereich, die das HIV-Übertragungsrisiko deutlich erhöhen. Die Präexpositionsprophylaxe wird die Aufklärung der Bevölkerung erschweren, befürchtet der Experte.

Unklar sei auch, wer die Medikamente bezahlt. Für viele Betroffene dürften die Medikamente zu teuer sein. Die Minimierung eines Übertragungsrisikos könnte in bestimmten Gruppen jedoch von gesundheitspolitischem und volkswirtschaftlichem Interesse sein, so Dr. Reuter. In Studien zur Kosten-Nutzen-Effektivität sollte seiner Ansicht nach geklärt werden, ob eine Subventionierung der Tabletten sinnvoll wäre.

S. Reuter et al.:
Präexpostionsprophylaxe bei HIV – Vision oder bald Realität?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2009; 134 (50): S. 2582–2584

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