Interdisziplinär statt multidisziplinär: Gemeinsame Therapieabstimmung erhöht den Behandlungserfolg

fzm – "Multidisziplinäre Behandlung" klingt zunächst gut – suggeriert der Begriff doch, dass sich Mediziner und Therapeuten unterschiedlichster Disziplinen eines Patienten annehmen. Nach Ansicht von Sabine Lamprecht reicht das jedoch noch lange nicht aus: Das Ziel müsse echte Interdisziplinarität sein, bei der sich die unterschiedlichen Fachbereiche regelmäßig über Therapieziele und Vorgehensweisen absprechen. Wie eine gelungene interdisziplinäre Behandlung aussehen kann, schildert die Kirchheimer Physiotherapeutin in der Fachzeitschrift "ergopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009) am Beispiel von Patienten mit Multipler Sklerose.

Bei der Multiplen Sklerose (MS) ist die Notwendigkeit einer interdisziplinären Therapie besonders evident: Die Krankheit ist vielgestaltig und kann ganz unterschiedliche Körperfunktionen beeinträchtigen. Neben Ergo- und Physiotherapeuten sind an der Therapie in der Regel auch Neurologen oder Neuropsychologen beteiligt – etwa um die Medikation festzulegen oder wenn Fragen zu kognitiven oder visuellen Problemen auftauchen. "Bei Sprach- oder Schluckproblemen sind Logopäden gefragt, Sozialarbeiter wiederum helfen bei Fragen der Teilberentung oder bei der Hilfsmittelgenehmigung", berichtet Sabine Lamprecht, die bundesweit Fortbildungen für Ergo- und Physiotherapeuten zum Thema Multiple Sklerose gibt. Eine wichtige Rolle falle auch den Psychologen zu, die den Patienten helfen könnten, mit der veränderten Lebenssituation umzugehen und das weitere Leben zu planen.

"In einigen Rehabilitationseinrichtungen arbeiten diese verschiedenen Disziplinen zwar nebeneinander, aber nicht miteinander", bemängelt Sabine Lamprecht. Therapieziele würden häufig nicht untereinander abgesprochen, in der Behandlung nicht an einem Strang gezogen. Selbst in interdisziplinären Einrichtungen, in denen alle Disziplinen am selben Ort arbeiten, scheitere eine Absprache oft an ineffizienten oder fehlenden Teamsitzungen. Noch deutlich problematischer sei die Lage in der ambulanten Versorgung, so Lamprecht. Hier müssten auch externe Dienstleister wie Orthopädiehäuser und Pflegedienste in die gemeinsame Zielfestlegung eingebunden werden. "Das geht nur über die Bildung von Netzwerken", betont die erfahrene Therapeutin.

Das Beispiel einer MS-Patientin zeigt, wie solche Absprachen erfolgen können. "Die Patientin war nach einem Oberschenkelhalsbruch zunächst in einer Pflegeeinrichtung untergebracht, wollte aber wieder in ihre eigene Wohnung zurückkehren", schildert Sabine Lamprecht den Fall. Um ihr die Rückkehr trotz der Bewegungseinschränkungen zu ermöglichen, die seit dem Unfall deutlich zugenommen hatten, vereinbarten Ergo- und Physiotherapeutin zusammen mit der Patientin eine gemeinsame Wohnungsbegehung. Dabei konnten die Therapeutinnen zum einen Tipps für kleine, hilfreiche Veränderungen in der Wohnung geben. Zum anderen wurde klar, welche häuslichen Tätigkeiten der Patientin die meisten Probleme bereiten. Hier wieder mehr Selbstständigkeit zu erlangen wurde zugleich als oberstes Therapieziel benannt. Zur interdisziplinären Betreuung zählte in diesem Fall auch die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Orthopädiefachberater und dem Pflegedienst.

Nicht immer sind für die interdisziplinäre Abstimmung gesonderte Termine nötig, wie Sabine Lamprecht betont. Gerade in interdisziplinären Einrichtungen sei es durchaus möglich, die wesentlichen Aspekte der Therapie auch mal zwischen Tür und Angel zu besprechen. Der wesentliche Aspekt der Interdisziplinarität sei, "dass jeder weiß, was der andere tut", so Lamprecht. Dadurch sei die Behandlung intensiver und auch der Behandlungserfolg nehme zu – und der große Gewinner sei letztlich der Patient.

S. Lamprecht:
Therapieziele effektiver erreichen.
ergopraxis 2009; 2 (10): S. 26-28

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