Nicht immer unproblematisch: Die Pflanzenapotheke für die Psyche

fzm, Stuttgart, Juli 2015 – Pflanzliche Wirkstoffe stehen in dem Ruf, besonders mild und nebenwirkungsarm zu sein. Viele Patienten kaufen solche Mittel rezeptfrei in der Apotheke. Allein 2010 wurden in Deutschland 8,5 Millionen Packungen pflanzlicher Beruhigungsmittel verkauft. Professor Jürgen Hoyer vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden mahnt in der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2015) am Beispiel von pflanzlichen Präparaten zur Angstlösung jedoch zur Vorsicht: Fehlende Wirksamkeitsnachweise und mögliche Nebenwirkungen lassen eine Selbstmedikation hier riskant erscheinen.

Genaue Zahlen dazu, wie viele Menschen ihre psychischen Probleme mit pflanzlichen Präparaten zu mildern suchen, fehlen bislang. Die Verkaufszahlen pflanzlicher Beruhigungsmittel sprechen jedoch eine deutliche Sprache. Laut einer von Hoyers eigenen Studien, testen 95 Prozent der Angstpatienten irgendeine Form der Selbsthilfe oder Selbsttherapie aus, bevor sie sich an einen Psychotherapeuten wenden. „Die Vermutung liegt nahe, dass viele dabei auf freiverkäufliche Phytopharmaka zurückgreifen, die als angstlindernd beworben werden", sagt Hoyer.


Wirklich belegt sei eine solche Wirkung jedoch nur für wenige Substanzen. Johanniskraut etwa habe sich gegen leichte bis mittelschwere Depressionen als wirksam erwiesen, nicht jedoch gegen Angststörungen. Und Kava-Kava-haltige Präparate seien zwar nachgewiesen angstlösend und beruhigend, dürften jedoch wegen möglicher Leberschäden seit 2002 nicht mehr in der EU verkauft werden. Für andere Mittel wie etwa Baldrian, Hopfen oder Passionsblume lägen dagegen nur unzureichende Wirksamkeitsnachweise vor. Die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Angststörungen rät daher auch von der Verschreibung von Phytopharmaka bei Angsterkrankungen ab.


Auch der Eindruck, man könne mit pflanzlichen Wirkstoffen zumindest nichts falsch machen, trügt. „Dass ein Medikament pflanzlichen Ursprungs ist, sagt grundsätzlich nichts über sein Gefahrenpotenzial aus", betont Hoyer in seiner Übersichtsarbeit, die er gemeinsam mit Professor Dr. Volker Köllner, Chefarzt der Fachklinik für Psychosomatische Medizin in Blieskastel, verfasst hat. Ein Beispiel sind die bereits erwähnten schweren Leberschäden, die bei einigen Patienten nach der Einnahme von Kava-Kava-Präparaten aufgetreten sind. Johanniskraut wiederum führt bei einigen Anwendern nicht nur zu einer Photosensibilisierung, einer Sonnenallergie, sondern beschleunigt zudem den Abbau anderer, gleichzeitig eingenommener Medikamente. Deren Wirkung kann so gemindert oder sogar aufgehoben werden. Daher sollten auch pflanzliche Mittel nie ohne das Wissen eines Arztes eingenommen werden.


Gerade bei psychischen Störungen bringt die Selbstmedikation noch weitere Probleme mit sich. „Die Einnahme von Phytopharmaka oder Nahrungsergänzungsmitteln spiegelt meist ein somatisches Krankheitsmodell wider", erläutert Jürgen Hoyer. Das erschwere den Blick auf die eigentlichen psychologischen Probleme, zögere die Aufnahme einer Psychotherapie unnötig hinaus und begünstige eine Chronifizierung der Störung. Wer seine Ängste nebenwirkungsarm angehen möchte, dem rät Jürgen Hoyer zu regelmäßigem Ausdauertraining. Dessen Wirksamkeit sei zumindest bei einigen Angstformen belegt und werde daher empfohlen - parallel zu Psychotherapie oder medikamentöser Behandlung.


J. Hoyer und V. Köllner:
Pflanzliche Mittel bei Angststörungen
PiD Psychotherapie im Dialog 2015; 16 (2); S.56-59