Ambrosia ante portas: Super-Allergen trifft im Südwesten auf allergiebereite Bevölkerung

Die Zahl der Menschen, die allergisch gegen das Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) sind, ist in Baden-Württemberg derzeit noch gering. Viele Erwachsene hatten in einer Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) veröffentlicht wurde, jedoch Antikörper gegen verwandte Allergene vom Gemeinen Beifuß (Artemisia vulgaris) im Blut. Aufgrund einer Kreuzsensibilisierung könnte bei es bei einer weiteren Ausbreitung des Traubenkrauts bei vielen Menschen zu schweren allergischen Atemwegserkrankungen kommen. Die Allergie-Saison würde dabei bis in den Herbst verlängert.

Schon fünf bis zehn Pollen von Ambrosia artemisiifolia pro Kubikmeter Luft können bei Allergikern einen schweren Heuschnupfen oder Asthma auslösen. Das Wildkraut, das aus Nordamerika eingeschleppt wurde, gehört damit zu den stärksten bekannten Allergenen. Die Hauptblütezeit fällt wie beim einheimischen Gemeinen Beifuß in den Spätsommer. Ambrosia artemisiifolia kann jedoch noch bis zu den ersten Frösten blühen, berichtet Professor Dr. Michael Böhme vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart. Allergiker sind deshalb nicht nur von heftigeren Attacken bedroht, die Allergiesaison könnte sich bei ihnen auch deutlich ausdehnen.

Im Landesgesundheitsamt betrachtet man die Entwicklung mit Sorge, da sich Ambrosia artemisiifolia bereits im Rhônetal ausgebreitet hat und bald Baden-Württemberg als erstes Bundesland in Deutschland erreichen könnte, wo es bisher nur vereinzelt entdeckt wurde. In einer Querschnittstudie wurden deshalb über 1000 Erwachsene aus Südwestdeutschland nach allergischen Beschwerden befragt. In Blutproben wurde nach den verantwortlichen allergischen IgE-Antikörpern gesucht. Die gute Nachricht ist, dass sich das Haupt- oder Majorallergen von Ambrosia artemisiifolia „Amb-a1“ erst bei 0,7 Prozent aller Erwachsenen nachweisen ließ.

Professor Böhme führt dieses günstige Ergebnis auf die großen Unterschiede in der Struktur von Amb-a1 mit dem Majorallergen Art-v1 des Gemeinen Beifußes zurück. Allergene sind Eiweiße, die das menschliche Immunsystem als fremd erkennt und deshalb mit Hilfe von Antikörpern bekämpft. Am heftigsten fällt die Reaktion gegen die Major-Allergene aus. Hier gibt es, so Professor Böhme, keine Kreuzreaktivität zwischen dem eingeschleppten Traubenkraut und dem heimischen Beifuß.

In anderen Antigenen besteht dagegen durchaus eine Verwandtschaft zwischen den beiden Wildkräutern. Professor Böhme: So reagierten Menschen mit einer Sensibilisierung gegen das Beifuß-Antigen w6 zu 88 Prozent auch auf das Antigen w1 von Ambrosia artemisiifolia. Umgekehrt hatten Menschen mit Antikörpern gegen w1 zu 71 Prozent auch Antikörper gegen w6 von Beifuß im Blut. Laut der Studie könnten elf Prozent der Erwachsensen auf Traubenkraut allergisch reagieren, was bei der weiteren Ausbreitung des Wildkrauts eine schlechte Nachricht für viele Allergiker ist.

Professor Böhme erachtet deshalb gezielte Präventionsmaßnahmen für sinnvoll. Die Samen gelangen zum einen über verunreinigtes Saatgut, Vogelfutter oder samenhaltige Erde nach Deutschland. Sie können aber auch über Fahrzeuge eingeschleppt werden. Die ersten Pflanzen finden sich auf Brachflächen, auf Äckern, Plätzen, Waldgebieten oder auch in Böschungen an Verkehrswegen, berichtet der Experte. Solange die Pflanzen nur eingeschränkt regional vorkommen, können sie auch erfolgreich gejätet werden, wobei darauf zu achten ist, dass auch die Wurzeln entfernt werden.

M.W.J. Böhme et al.:
Atemwegsbeschwerden und Sensibilisierungen gegen Pollen von Ambrosia artemisiifolia und Beifuß bei Erwachsenen in Süd-West-Deutschland
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (33);
S. 1651-1658