Wenn der Alp drückt

fzm, Stuttgart, November 2013 – Der plötzliche Sturz ins Bodenlose, das Gefühl des Verfolgtwerdens oder der Lähmung - wer von Alpträumen geplagt wird, durchlebt solche bedrohlichen Situationen sehr realistisch und wacht oft schweißgebadet auf. Besonders wenn sie immer wiederkehren, können Alpträume sehr belastend sein. Dennoch nehmen die wenigsten Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch, um ihre Nachtruhe zu retten. Welche Bewältigungsstrategien stattdessen verbreitet sind und wie hilfreich diese sind, hat der Mannheimer Schlafforscher Michael Schredl untersucht. Er berichtet darüber in der Fachzeitschrift „PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, medizinische Psychologie“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013).

Bisherige Studien zum Umgang mit Alpträumen beschäftigen sich hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen. Darüber, welche Strategien Erwachsene zur Bewältigung ihrer Alpträume einsetzen, ist dagegen noch sehr wenig bekannt. Gemeinsam mit der Freiburger Psychologin Anja Göritz möchte Michael Schredl diese Lücke nun schließen.

An der Online-Studie, die die beiden Wissenschaftler über das Portal www.wisopanel.net posteten, nahmen insgesamt 2872 Personen teil. Der Altersmittelwert lag bei 43 Jahren. Rund jeder Neunte gab an, mindestens einmal pro Woche Alpträume zu haben. „Die mit Abstand häufigste Bewältigungsstrategie ist es, den Traum einer vertrauten Person zu erzählen“, berichtet Michael Schredl; rund jeder fünfte Betroffene tat dies häufig bis sehr häufig. Sich anderen anzuvertrauen wurde zugleich als besonders hilfreich bewertet - vermutlich weil es kurzfristig Erleichterung bringt. Das Erzählen trage aber wohl nicht dazu bei, dass die Träume seltener werden, mutmaßt Schredl. „Wenn man Alpträume als Angststörung betrachtet, ist diese Strategie nur wenig geeignet, um eine langfristige Verbesserung zu erreichen.“ Andere Strategien, die deutlich seltener verfolgt und nur als wenig hilfreich empfunden wurden, waren das Aufschreiben der Träume, das bewusste Umgestalten, oder das Lesen zum Thema Alptraum.

Auf die Idee, einen Experten aufzusuchen, kamen nur wenige Betroffene: Lediglich jeder Sechste derjenigen, die ein Mal pro Woche einen Alptraum hatten sowie jeder Dritte aus der Gruppe, die mehrmals wöchentlich von Alpträumen heimgesucht wurden, suchte professionelle Hilfe. Wie die Umfrage ergab, bewerteten die Teilnehmer den Expertenrat zudem als nicht sehr hilfreich. Michael Schredl verwundert dies nicht: Erst seit Kurzem steht zur einzigen validierten Therapie bei Alpträumen - der sogenannten Imagery Rehearsal Therapy IRT - auch ein deutschsprachiger Therapieleitfaden zur Verfügung. „In der Ausbildung von Ärzten und Psychotherapeuten kommt die Behandlung von Alpträumen bislang nur selten vor“, kritisiert Schredl.

Bei der IRT wird der wiederkehrende Traum zunächst aufgeschrieben und anschließend, ebenfalls schriftlich, modifiziert. Die neue, nicht belastende Version des Traums wird über mindestens zwei Wochen hinweg täglich „eingeübt“, um den ursprünglichen Traumablauf zu durchbrechen und zu ersetzen. Die klinische Erfahrung zeige, dass dieses Einüben am effektivsten sei, wenn es unter professioneller Anleitung erfolge, betont Schredl. Dann könne die Häufigkeit sowohl von idiopathischen Alpträumen, die ohne erkennbaren Anlass auftreten, als auch von posttraumatischen Alpträumen deutlich reduziert werden.

M. Schredl und A.S. Göritz:
Umgang mit Alpträumen in der Allgemeinbevölkerung: Eine Online-Studie
PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2013
Online erschienen am 18.10.2013
DOI: 10.1055/s-0033-1357131