Altersleukämie bald ohne Chemotherapie behandelbar

fzm, Stuttgart, November 2013 – Für die zumeist älteren Menschen, die an einer chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) erkrankt sind, könnte es in Zukunft Behandlungen geben, die ganz ohne belastende Zytostatika auskommen. Schon heute werden zunehmend Mittel eingesetzt, die die Tumorzellen gezielt und auf schonendere Weise vernichten als die klassische Krebs-Chemotherapie, berichtet ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013).

Die CLL ist die häufigste Leukämie in der westlichen Welt. Sie tritt vor allem bei älteren Menschen auf. Das Durchschnittsalter liegt heute bei über 70 Jahren. Eine aggressive Chemotherapie oder eine Stammzellbehandlung, die bei jüngeren Patienten die Erkrankung heilen könnte, eignet sich für sie in der Regel nicht, erläutert Professor Clemens-Martin Wendtner, Chefarzt am Klinikum Schwabing in München.

Die Krebsspezialisten oder Onkologen stehen der CLL jedoch keineswegs hilflos gegenüber. In den letzten Jahren haben sie zahlreiche Möglichkeiten entwickelt, die Tumorzellen im Blut in Schach zu halten und eine sogenannte Remission, das Nachlassen der Krankheitssymptome, zu erzielen, die das erste Behandlungsziel bei der Altersleukämie ist. Viele Patienten werden mit Chlorambucil oder Bendamustin behandelt, zwei älteren Zytostatika. Beide Mittel sind gut verträglich. Wie andere Zytostatika greifen sie jedoch alle Zellen des Körpers an, die sich teilen.

Seit einigen Jahren gibt es mit Rituximab einen Antikörper, der ausschließlich die Gruppe von Abwehrzellen erkennt, die B-Lymphozyten, aus denen der Blutkrebs CLL besteht. Rituximab wird heute mit Bendamustin kombiniert. Die Deutsche CLL-Studiengruppe unter Leitung von Professor Wendtner konnte zeigen, dass unter dieser Kombination fast alle Patienten eine Remission erzielen. Einige bleiben danach über viele Monate ohne aktive Erkrankung.

Wenn es aber zum Rückfall kommt, stehen weitere Medikamente zur Verfügung. Dazu gehört seit 2010 Ofatumumab, das wie Rituximab wirkt, und seit 2007 Lenalidomid. Lenalidomid ist nicht für die CLL zugelassen. Sein Einsatz ist umstritten, da es möglicherweise die Entwicklung von rasch wachsenden Zweitkrebserkrankungen anstößt. Eine Verbesserung erwartet Professor Wendtner von einer Reihe neuer Medikamente, die derzeit in klinischen Studien getestet werden. Diese Wirkstoffe blockieren innerhalb der Zelle Wachstumssignale, die den Blutkrebs normalerweise am Leben erhalten.

Am weitesten fortgeschritten sind sogenannte Tyrosinkinase-Inhibitoren wie Ibrutinib und Idelalisib, deren Einführung demnächst bevorsteht. Professor Wendtner sieht hier einen Trend, der mit der Entwicklung weiterer Wirkstoffe anhalten könnte. Über kurz oder lang könnten Onkologen in der Behandlung der Altersleukämie völlig auf Zytostatika verzichten. Der Vorteil für die Patienten wäre vermutlich eine bessere Verträglichkeit, da die neuen Mittel gezielter die Tumorzellen angreifen und andere Körperzellen verschonen.

C.-M. Wendtner:
Chemotherapie-freie Behandlung der chronischen lymphatischen Leukämie?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (41); S. 2104–2106