Hausärzte überzeugen mehr als Beipackzettel

Stuttgart, August 2012 – Die Aufzählung von Risiken und Nebenwirkungen in den Packungsbeilagen von Medikamenten ängstigen viele Patienten. Die meisten nehmen dennoch ihre Medikamente regelmäßig ein, wie sie Wissenschaftlern in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2012) anvertrauten. Die meisten verlassen sich dabei auf die Erfahrung des verordnenden Hausarztes.

Beipackzettel sind gesetzlich vorgeschrieben. Die Hersteller müssen in ihnen neben den zugelassenen Anwendungsgebieten und Dosierungen auch alle Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nennen. Die meisten Menschen begrüßen die schriftliche Aufklärung über ihre Medikation, berichtet Dr. biol. hum. Dagmar Gröber-Grätz vom Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, die oft lange Liste der Negativinformationen zu verdauen. Dies wurde in einer intensiven Befragung deutlich, die Dr. Gröber-Grätz und Mitarbeiter bei 71 Patienten in Ulm, Oberschwaben und dem Bodenseekreis durchgeführt haben. Sehr viele Patienten sagten der Forschergruppe, dass sie die Packungsbeilagen aufmerksam lesen. Die Einstellung zu der Art der Information sei jedoch unterschiedlich. Manche hielten den Beipackzettel für überflüssig, andere fühlten sich in ihrer Medikamentenhandhabung bestätigt. Es gebe jedoch auch Patienten, die die Lektüre als beängstigend oder abschreckend empfänden. Manche Patienten beklagten sich über „Horrorgeschichten“, die eigentlich dazu angetan wären, die Medikamente besser nicht einzunehmen.  

Tatsächlich gelten Beipackzettel unter Wissenschaftlern als ein möglicher Grund für eine fehlende Adhärenz. So bezeichnet die Forschung die Bereitschaft der Patienten, die gemeinsam mit dem Arzt vereinbarten Behandlungsziele bzw. Medikamenteneinnahme einzuhalten. In einer Umfrage der AOK hatte beispielsweise ein Drittel der Befragten angegeben, ein Medikament schon einmal aufgrund der Informationen der Packungsbeilage abgesetzt oder gar nicht erst genommen zu haben. Diesen Eindruck vermittelten die interviewten Teilnehmer den Ulmer Forschern hingegen nicht.  

Trotz aller Kritik an der Art der Darstellung meinten die meisten Gesprächspartner, dass sie die Medikamente trotz der abschreckenden Wirkung der Beipackzettel weiter einnehmen wollen. Als Grund nannten sie das Vertrauen in ihren Hausarzt. Zu einem ähnlichen Ergebnis war vor einiger Zeit eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung gekommen. Dort hatten 97 Prozent der Befragten angegeben, dass sie dem Arzt als Informationsquelle hinsichtlich der Arzneimittelinformation vertrauen würden, berichtet Dr. Gröber-Grätz. Nach ihrem Eindruck spielen dabei auch Verdrängungsmechanismen eine große Rolle.

Viele Patienten hätten den Eindruck, dass die Nebenwirkung sie persönlich nicht betreffen würden. Bei anderen sei der Leidensdruck so hoch, dass sie die Nebenwirkungen in Kauf nehmen würden.  

D. Gröber-Grätz et al.:
Der Einfluss des Beipackzettels auf die medikamentöse Adhärenz bei hausärztlichen Patienten
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137(27): S. 1395-1400
 
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