Millionenfache Abhängigkeit

Benzodiazepine werden in Deutschland oft zu lange und in zu hoher Dosierung verschrieben. Zu diesem Schluss kommen Suchtforscher des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf und der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, nachdem sie die Verschreibungspraxis in den Ländern Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein untersucht haben. "Aus den Rezepten können wir bei vielen Patienten auf eine missbräuchliche Einnahme von Benzodiazepinen oder gar auf eine Abhängigkeit schließen", mahnen die Autoren um Uwe Verthein in der Fachzeitschrift "Das Gesundheitswesen" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013).

Nach den gängigen Leitlinien sollten die meist als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzten Substanzen nur kurzfristig und in niedrigen Dosen eingenommen werden. Für ihre Studie griffen die Wissenschaftler auf die Daten des Norddeutschen Apothekenrechenzentrums (NARZ) zurück, wobei sie sich bei ihrer Auswertung zunächst auf den Stadtstaat Hamburg konzentrierten. "Im Zeitraum eines Jahres erhielten dort 78.456 Personen auf fast 300.000 Rezepten kassenärztliche Verschreibungen von Benzodiazepinen oder den prinzipiell wirkungsgleichen Non-Benzodiazepinen", schreibt Studienleiter Uwe Verthein, Psychologe am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg.

Wie die personenbezogene Auswertung über zwölf Monate ergab, lag die Menge der verschriebenen Benzodiazepine nur bei rund der Hälfte der Patienten im leitlinienkonformen Bereich - also bei einer Einnahmedauer von weniger als zwei Monaten. Immerhin rund 16 Prozent der Patienten waren einem problematischen oder gar hochproblematischen Verschreibungsmuster zuzuordnen: Sie erhielten die Substanzen länger als zwei bzw. sechs Monate in teilweise recht hohen Dosierungen. Der Rest der Patienten befand sich in einem annähernd leitlinienkonformen Zwischenbereich mit längerer Einnahmedauer aber geringer Dosierung.

"Hochgerechnet haben etwa fünf Prozent der Hamburger Bevölkerung im beobachteten Zeitraum Benzodiazepine erhalten, knapp ein Prozent in problematischer Dosierung", resümiert Uwe Verthein und bestätigt damit Schätzungen anderer Forscher, nach denen rund eine Millionen Menschen in Deutschland von Benzodiazepinen abhängig sind.

Zwei Drittel der problematischen Verschreibungen in der Hamburger Studie betrafen Frauen. Besonders häufig werden Benzodiazepine und Non-Benzodiazepine außerdem älteren Patienten über 70 Jahren verschrieben - denn mit zunehmendem Alter steigt auch die Häufigkeit von Schlafstörungen. Weil die Bevölkerung insgesamt immer älter wird, wird die Zahl nicht leitliniengerechter Verschreibungen in den kommenden Jahren noch ansteigen, vermuten Verthein und seine Kollegen. Gerade bei älteren Menschen sei eine längerfristige Einnahme von Benzodiazepinen oder Non-Benzodiazepinen jedoch besonders problematisch: Die Nebenwirkungen der Substanzen ähneln den Veränderungen, die das Alter ohnehin oft mit sich bringt - etwa ein Nachlassen der Gedächtnisleistung und eine Abnahme der körperlichen Energie. "Der sich überlagernde oder sich sogar potenzierende Effekt der beiden Phänomene könnte ältere Menschen in ihren Möglichkeiten einschränken, ein selbstbestimmtes Leben zu führen", mahnen die Autoren der Studie. Die allzu sorglose Verschreibungspraxis und die offenbar hohe Zahl bereits abhängiger Patienten solle daher Anlass für Aufklärung und Diskussion in der Ärzte- und Apothekerschaft sein.

U. Verthein et al.:
Langzeitverschreibung von Benzodiazepinen und
Non-Benzodiazepinen
Das Gesundheitswesen 2013; 75 (7); S. 430-437