Viel Einsatz, wenig Belohnung: Berufsstress gefährdet Gesundheit von Klinikärzten

fzm, Stuttgart, Dezember 2013 – Die Mehrzahl aller im Krankenhaus tätigen Ärzte leidet unter negativem Stress am Arbeitsplatz, berichten Arbeitsmediziner in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013). Vor allem jüngere Assistenzärzte, und hier vor allem Ärztinnen, gaben in einer Umfrage in Baden-Württemberg an, dass die hohen Anforderungen und ihr persönlicher Einsatz in einem Missverhältnis stünden zur Belohnung und der Eigenständigkeit am Arbeitsplatz. Die Arbeitsmediziner warnen vor gesundheitsschädlichen Folgen.

Mehr als 2000 Klinikärzte aus Baden-Württemberg haben anonym einen Online-Fragebogen ausgefüllt, den Arbeitsmediziner der Universität Frankfurt am Main entworfen haben. Berufsstress wird dort nach zwei wissenschaftlich anerkannten Methoden gemessen. Nach dem Job-Demand-Control-Modell liegt Disstress vor, wenn die Arbeitsanforderungen größer sind als die Kontrolle der Arbeit in Form eigener Handlungsspielräume beziehungsweise Entscheidungsbefugnissen, erläutert Jan Bauer vom Institut für Arbeitsmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach dem Effort-Reward-Imbalance-Modell komme es zum Disstress, wenn der wahrgenommene Einsatz in der Arbeit nicht zu der entsprechend wahrgenommenen Belohnung führt.

Diese Bedingungen für einen ungesunden Disstress lagen den Umfrageergebnissen zufolge bei gut 55 Prozent der befragten Ärzte vor, wobei Ärztinnen häufiger betroffen waren. Sie litten zu rund 60 Prozent unter Disstress. Besonders hoch waren die Belastungen zu Beginn der beruflichen Laufbahn, die Mediziner meist als Assistenzarzt im Krankenhaus beginnen. Zwei Drittel leiden nach den Ergebnissen der Studie unter gesundheitsschädlichem Stress. Die Situation bessert sich, wenn die Mediziner die Karriereleiter nach oben steigen. Fachärzte leiden noch zu rund 54 Prozent unter Disstress, bei Oberärzten betrug der Anteil 46 Prozent, während die Arbeitsbedingungen nur bei knapp 25 Prozent der Chefärzte an der Gesundheit kratzen.

Ärzte leiden nach Einschätzung von Bauer häufiger unter Disstress als andere Berufsgruppen. Bei Lehrern sei in einer anderen Studie nur zu 22 Prozent Disstress diagnostiziert worden. Auch im Vergleich zum Stressreport Deutschland 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind Ärzte benachteiligt. Hätten im Stressreport 67 Prozent der Arbeitnehmer angegeben, ihre Arbeit selbstständig planen und einteilen zu können, so lag der Anteil bei den Ärzten nur bei rund 38 Prozent. Im Stressreport hätten 44 Prozent der Arbeitnehmer angegeben, während ihrer Arbeit unterbrochen und gestört zu werden. Bei den von Bauer befragten Ärzten waren es hingegen 84 Prozent.

Umso erstaunlicher ist für den Arbeitsmediziner, dass die meisten Ärzte angaben, mit ihrem Beruf zufrieden zu sein. Selbst bei den Assistenzärzten, die zu zwei Dritteln unter Disstress leiden, waren es mit rund 49 Prozent knapp die Hälfte. Bauer vermutet, dass der soziale Rückhalt, den Ärzte genießen, und die Bestätigung im Arzt-Patienten-Verhältnis ihnen hilft, den Disstress zu ertragen. Gesund ist dieses Verhalten allerdings nicht. So hatten im „MB-Monitor 2013“ des Marburger Bundes 71 Prozent der befragten Ärzte über negative Auswirkungen ihrer Arbeitsbelastung auf die Gesundheit berichtet. Häufige Folgen von Disstress sind laut Bauer Nervosität, Alpträume, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit.

Die Ergebnisse der Studie zeigen für Bauer einen erheblichen Handlungsbedarf an. Die Arbeitsbedingungen müssen den veränderten Bedürfnissen der Beschäftigten angepasst werden, damit das Krankenhaus als Arbeitsplatz seine Attraktivität nicht verliere. Vor allem aber müsse der Berufseinstieg der jungen Ärzte erleichtert werden, da gerade hier die größten Stresspotenziale vorlägen.

Die Umfrage ist Teil der iCept-Studie, die bundesweit Mitglieder des Marburger Bundes nach ihrer Berufszufriedenheit befragt.


J. Bauer und D. A. Groneberg:
Ärztlicher Disstress – eine Untersuchung baden-württembergischer Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (47); S. 2401–2406