Darmdivertikel: Körner statt Antibiotika

Als Folge einer ballaststoffarmen Kost entwickelt mehr als die Hälfte aller Menschen in Deutschland im Verlauf des Lebens Ausstülpungen im Dickdarm. Wenn diese Divertikel sich entzünden, kommt es zu einer äußerst schmerzhaften Divertikulitis, die eine Antibiotikabehandlung oder sogar eine Operation notwendig machen kann, bei der Teile des Darms entfernt werden. Darmdivertikel sind jedoch kein unvermeidbares Schicksal, wie ein Experte in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) erläutert.

Ballaststoffe sind Pflanzenfasern, die der menschliche Darm nicht verdauen kann und die deshalb mit dem Kot ausgeschieden werden. Tierische Lebensmittel, dazu zählen neben Fleisch und Wurst auch Milch und Eier, enthalten gar keine Ballaststoffe. Auch Weißbrot, Teigwaren, Kekse und leichte Gemüsesorten wie Tomaten oder Gurken sind ballaststoffarm. Bei einer ballaststoffarmen Kost ist der Kot vermindert und hart, der Stuhlgang wird zu Schwerstarbeit. Mit der Zeit bilden sich in der „Hochdruckzone“ des Mastdarms einzelne Divertikel, erklärt Professor Wolfgang Kruis, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Kalk in Köln. Bei mehreren Divertikeln sprechen die Ärzte von einer Divertikulose. Diese bleibt lange Zeit unbemerkt. Erst wenn es zur Entzündung, der Divertikulitis, kommt, treten Beschwerden auf.

Die Zusammenhänge mit der Ernährung wurden schon in den 1950-er Jahren vermutet. Neuere Untersuchungen bestätigen laut Professor Kruis, dass die Divertikulose eine Zivilisationskrankheit ist, der durch eine ballaststoffreiche Kost vorgebeugt werden kann. Vegetarier erkranken einer aktuellen Studie zufolge zu 30 Prozent seltener an einer Divertikulose.

Trotzdem empfahlen die Ärzte den Patienten, bei denen die Divertikel zu Beschwerden geführt hatten, bestimmte pflanzliche Nahrungsmittel unbedingt zu meiden. Professor Kruis: „Es wurde befürchtet, dass Nüsse, Körner oder Samen sich in den Divertikeln verfangen und dadurch Darmblutungen auslösen. Dieser Ratschlag wurde jedoch niemals in einer Studie überprüft, und möglicherweise ist er falsch.“ In der US-amerikanischen Professionals Follow-Up-Studie, die 47.000 Angehörige aus Gesundheitsberufen über 18 Jahre begleitete, erkrankten Patienten mit Divertikulose, die viele Nüsse, Körner oder Samen aßen, nicht häufiger, sondern seltener an Komplikationen.

Auch der häufige Einsatz von Antibiotika ist zuletzt in Zweifel gezogen worden. Antibiotika, die bei jeder akuten Divertikulitis eingesetzt wurden, sollten durch Abtötung von Darmbakterien die Abheilung fördern. „Über viele Jahre hinweg waren sie ein fester Pfeiler der Therapie“, berichtet Professor Kruis. Eine neue Studie zeigt laut Professor Kruis jedoch, dass die Antibiotika bei milden unkomplizierten Verläufen wahrscheinlich keine Vorteile bringen. Derzeit werde untersucht, ob die Patienten im Krankheitsschub mit 5-Aminosalicylsäure, auch Mesalazin genannt, behandelt werden könnten. Dieses Medikament wird seit längerem beim Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa eingesetzt. Eine jüngst von Professor Kruis und anderen Internisten durchgeführte Studie hat gezeigt, dass das Mittel im akuten Schub die Schmerzen bessert lindert als die Gabe von Placebos.

Zu den unbestrittenen Empfehlungen bei Divertikelkrankheiten gehört eine Gewichtsabnahme. Da die ballaststoffarme Kost oft sehr kalorienreich ist, sind viele Menschen mit Divertikeln übergewichtig. „Ein erhöhter BMI und vor allem eine Fetteinlagerung im Bauchbereich ist aber mit einer erhöhten Entzündungsbereitschaft des Körpers verbunden“, erläutert Professor Kruis. Dies erkläre auch, warum übergewichtige Menschen anfälliger für Komplikationen von Darmdivertikeln sind.

R. H. Pfützer und W. Kruis:
Divertikulose und Divertikelkrankheit
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (31/32);
S. 1592-1594