Reha vor Pflege – von wegen!

fzm, Stuttgart, Dezember 2013 – Geriatrische Reha-Kliniken haben in Deutschland einen schweren Stand: Die finanzielle Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen ist so mager, dass kaum eine Einrichtung auf Dauer schwarze Zahlen schreiben kann. Immer mehr geriatrische Reha-Kliniken werden daher geschlossen oder sind von Schließung bedroht. „Dabei sind sie für die Patienten unverzichtbar und helfen dem Staat, massiv Kosten zu sparen“, mahnt die freie Medizinjournalistin Stephanie Hügler, die sich in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) des Themas angenommen hat.

Rehabilitationszentren, die sich auf die stationäre Behandlung älterer Patienten spezialisiert haben, erfüllen im Medizinbetrieb eine wichtige Aufgabe: Sie sorgen dafür, dass Senioren nach einem Unfall oder einer Operation nicht in ein Pflegeheim müssen, sondern in vielen Fällen wieder selbstständig in ihrem alten Zuhause zurechtkommen. Doch diese bedeutsame gesellschaftliche Aufgabe wird finanziell nicht gewürdigt: Von den gesetzlichen Krankenkassen werden pro Patient und Tag nur 180 Euro erstattet. „Die tatsächlichen Kosten liegen jedoch bei rund 230 Euro“, schreibt Stephanie Hügler und verweist auf entsprechende Erhebungen des Bundesverbandes Geriatrie (BVG). Die dadurch entstehende Deckungslücke können die Häuser auf Dauer nicht durch interne Einsparungen oder den
Verzicht auf notwendige Investitionen ausgleichen.

In Baden-Württemberg schreiben daher mehr als 50 Prozent der geriatrischen Reha-Kliniken rote Zahlen und müssen um ihre Existenz bangen. Die Standorte Ludwigsburg, Böblingen und Zell im Wiesental haben bereits geschlossen, und mit der Aerpah-Klinik in Esslingen wird im März 2014 auch die älteste und größte geriatrische Klinik Baden-Württembergs ihren Betrieb einstellen.

So werden geriatrische Reha-Kapazitäten eingeschmolzen, während zugleich die Zahl der Hochbetagten in Deutschland stark ansteigt. Für viele Patienten ist das eine fatale Entwicklung. Denn die intensive Betreuung durch ein interdisziplinäres Team, wie sie in einem spezialisierten Reha-Zentrum möglich ist, lässt sich weder durch Pflege noch durch Angehörigenarbeit ersetzen. Auch das Ziel, dem Patient ein selbstbestimmtes Leben zu Hause zu ermöglichen, wird dadurch nicht erreicht.

Findet keine Reha statt, sind zudem die Folgekosten wesentlich höher, denn dann drohen dauerhaft hohe Arzt- und Pflegekosten: „Wenn wir einen älteren Menschen in der geriatrischen Rehabilitation wieder fit machen, kostet das einmalig 4.000 Euro“, erläuterte Dr. Martin Runge, Chefarzt der bald geschlossenen Esslinger Aerpah-Klinik, kürzlich in der Fernsehsendung Frontal 21. „Einen älteren Menschen ein Jahr lang stationär zu pflegen, kostet hingegen 40.000 Euro.“ Lösungsmodelle wie etwa jenes, die Pflegekassen auch als Reha-Träger einzusetzen, somit die Krankenkassen zu entlasten und direkte Sparanreize für die Pflegekassen zu setzen, scheitern bisher an der Politik. Dabei wäre hier der seltene Fall gegeben, dass das Sparen ganz im Sinne der Patienten wäre.

 

Stephanie Hügler
Reha vor Pflege!
physiopraxis 2013; 11 (11-12); S. 12–14