Unterschätzte Erreger von Lungenentzündungen in Deutschland

Die Vogelgrippe in China und das mysteriöse „Middle East Respiratory Syndrome“ MERS auf der arabischen Halbinsel haben der Öffentlichkeit gezeigt, dass die Atemwege schnell zur Eintrittspforte für exotische Krankheitserreger werden können. Aber auch in Deutschland werden Lungenentzündungen manchmal von ungewöhnlichen Viren und Bakterien ausgelöst, wie Experten in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) berichten.

„Zu den wenig beachteten Keimen zählt Bordetella pertussis, besser bekannt als der Erreger des Keuchhustens“, so Dr. Manuela Funke-Chambour und Dr. Sebastian Ott vom Universitätsspital Bern. Der Keuchhusten war eine gefürchtete Kinderkrankheit, bis ein Impfstoff zur Verfügung stand. Solange alle Kinder geimpft wurden, verschwand die Erkrankung fast vollständig. „In der DDR kam am Ende der 80er Jahre nur eine Erkrankung auf 100.000 Einwohner“, berichten die Experten. In Westdeutschland waren es zur gleichen Zeit noch 160 bis 180 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Der Grund war der Wegfall der Impfempfehlung in der alten Bundesrepublik nach 1974. Erst seit der Wiedervereinigung werden wieder die meisten Kinder in ganz Deutschland geimpft. Es gibt in Westdeutschland aber eine Altersgruppe, die niemals geimpft wurde. Sie sind deshalb heute anfällig für Keuchhusten. Der Erkrankungsgipfel der Kinderkrankheit liegt heute bei über 40 Jahren, berichtet Ott. In diesem Alter kommt es häufig zu einer schweren Lungenentzündung. Experten raten deshalb den Erwachsenen, die Impfung nachzuholen. Seit März 2013 gibt es außerdem eine Meldepflicht bei Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod.

Unterschätzt wird nach Ansicht der Autoren auch die Legionellose. Die Erkrankung wird vom Bakterium Legionella pneumophila übertragen, das im Leitungswasser enthalten sein kann. Eine Ansteckungsgefahr besteht insbesondere im Bad, etwa beim Duschen. Früher gingen die Experten davon aus, dass Ausbrüche mit Legionellen ebenso spektakulär wie selten sind. Doch seit die Stiftung CAP-NETZ in Deutschland gezielt nach den Erregern von Pneumonien, also Lungenentzündungen, sucht, ist bekannt, dass vier Prozent aller ambulant erworbenen Pneumonien (CAP) durch Legionellen ausgelöst werden.

Selbst exotisch anmutende Erreger von Lungenentzündungen sind in Deutschland beheimatet. So erkrankten 2005 in Jena 331 Menschen am Q-Fieber. Der Erreger ist das Bakterium Coxiella burnetii, das normalerweise Rinder, Schafe oder Ziegen befällt. Die Tiere scheiden den Erreger mit Kot, Urin oder Milch aus. Eine besonders hohe Gefährdung geht laut Dr. Ott von den Fruchthäuten fehlgeborener Tiere aus. Erregerhaltige Stäube können mit dem Wind oft kilometerweit transportiert werden. In Jena waren die Erreger in ein dicht besiedeltes Wohngebiet geweht, wo es dann zum Ausbruch kam.

Dr. Ott nennt in der DMW weitere Erreger, die durch Stäube von Tieren auf den Menschen übertragen werden und eine Lungenentzündung auslösen. Dazu gehören zum Beispiel die Ornithose, die durch Truthühner, Enten, Papageien oder Tauben übertragen wird. Nagetiere hingegen können hingegen für sogenannte Hanta-Virusinfektionen verantwortlich sein. Die Erkrankungen sind zwar sehr selten, aber im Erkrankungsfall meldepflichtig.

I. Funke-Chambour und S. R. Ott:
Seltene Pneumonie-Erreger
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (40);
S. 2019-2022