Nackenschmerzen und ihre Folgen

Patienten, die unter chronischen Nackenschmerzen leiden, entwickeln mit der Zeit auch Störungen im sensomotorischen System: Die Körperrepräsentation in dem betroffenen Bereich kann verändert sein, auch die Beweglichkeit und die Kraft lassen nach. Zusammen mit einer möglichen Konditionierung, einem "Erlernen" des Schmerzes, tragen diese Mechanismen dazu bei, dass die Nackenbeschwerden sich weiter verfestigen, wie der Neustädter Physiotherapeut Konstantin Beinert in der Fachzeitschrift „physiopraxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) darlegt. Umgekehrt kann eine Therapie der sensomotorischen Störungen die Behandlung der Nackenschmerzen aber auch positiv unterstützen.

"Die Veränderungen sind recht vielfältig und können sich auf ganz verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung, der Bewegungsplanung oder -ausführung abspielen", sagt Konstantin Beinert, der das Institut für angewandte Forschung am Bewegungssystem an der Akademie für Gesundheitsfachberufe Pfalz AG in Neustadt an der Weinstraße leitet. Um herauszufinden, wo das Problem im konkreten Fall liege, könne der Physiotherapeut auf eine Reihe von Tests zurückgreifen. Ist etwa die Körperwahrnehmung betroffen, spüren die Menschen nicht mehr genau, in welcher Position sich ihr Kopf gerade befindet. Die Ursache hierfür kann in einer Atrophierung der Muskeln entlang der Halswirbelsäule liegen - durch den Schmerz und den mangelnden Gebrauch der Muskeln nimmt ihre Masse ab. Entsprechend sinkt die Kraft, und auch die Stellungsinformationen die normalerweise über die Muskelspindeln weitergegeben werden, werden unpräzise. In entsprechenden Tests zeigt sich dann, dass der Patient die Mittelstellung seines Kopfes falsch einschätzt, oder dass er einen vorgegebenen Drehwinkel nicht reproduzieren kann.

Letzteres kann auch durch Veränderungen im sensorischen Kortex - also in den Großhirnarealen, die für die Körperwahrnehmung zuständig sind - verursacht werden. "Schmerzende Körperbereiche erfahren in dieser Region oft eine Vergrößerung", erläutert Konstantin Beinert. Hinweise auf eine solche zentrale Verschiebung der Körperwahrnehmung gibt beispielsweise eine einfache Zeichnung, in die der Patient die Form und Struktur seiner Halswirbelsäule sowie seine empfundene Körpermitte eintragen soll.

Bei vielen Patienten mit chronischen Nackenschmerzen ist auch die Motorik der Nackenmuskulatur beeinträchtigt. "Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer und Koordination der Muskeln im Bereich der Halswirbelsäule sind oft reduziert", sagt Beinert. Nicht zuletzt können die chronischen Nackenschmerzen sich auch auf scheinbar fern liegende Bereiche wie das Gleichgewichtsfähigkeit oder die Okulomotorik auswirken. All diese Funktionsstörungen lassen sich mit etablierten klinischen Tests untersuchen und erfassen.

Wenn feststeht, an welchen Störungen ein Patient leidet, kann der Physiotherapeut ein individuelles Übungsprogramm zusammenstellen. Beispiele für Übungen aus den verschiedenen Bereichen führt Beinert in seinem Beitrag auf. "Das Übungsprogramm sollte immer auch mit einem Training der anderen motorischen Grundeigenschaften kombiniert werden", betont der Neustädter Physiotherapeut. Insbesondere ein Krafttraining für die oft atrophierte Muskulatur im Bereich der Halswirbelsäule sollte enthalten sein. Für die Betroffenen hat er ermutigende Worte: "Von anderen Erkrankungen wissen wir, dass die meisten sensomotorischen Veränderungen reversibel sind - wenn der Körper mit geeigneten Übungen zum Lernen aufgefordert wird."

K. Beinert:
Chronische Nackenschmerzen
physiopraxis 2013; 11 (7/8); S. 28-35