Organspende: Angehörige brauchen mehr Zeit und qualifizierte Beratung

fzm, Stuttgart, November 2013 – In Umfragen befürworten die meisten Deutschen die Organspende, doch wenn sie im Fall eines als Spender infrage kommenden Angehörigen vor der Entscheidung stehen, lehnen viele die Entnahme und Verwendung der Organe ab. Eine Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) hat nach möglichen Gründen für diese Diskrepanz zwischen Wollen und Handeln gesucht.

Nur wenige Menschen, die einen Hirntod erleiden und als Organspender infrage kämen, haben einen Organspendeausweis. In mehr als neun von zehn Fällen müssen deshalb Ehegatten, Eltern, Kinder oder Geschwister über den mutmaßlichen Willen des Hirntoten entscheiden. Das fällt den meisten Angehörigen schwer, und im Zeitraum zwischen 2009 bis 2011 kam es in 38 Prozent der Fälle zu einer Ablehnung der Organspende, berichtet Franz Schaub von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt am Main. Die Ablehnungsquote war damit mehr als doppelt so hoch wie in einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Diese hatte 2010 die Deutschen nach ihrer prinzipiellen Einstellung zur Organspende gefragt: Nur 18 Prozent waren nicht damit einverstanden, ihre Organe im Fall eines Hirntods zu spenden.

Warum die Angehörigen im Ernstfall häufig anders entscheiden, ist unklar, schreibt Schaub, der hierzu die Protokolle von mehr als 6000 Angehörigengesprächen untersucht hat. Einen möglichen Grund sieht Schaub darin, dass in den meisten Kliniken die gleichen Ärzte, die den Patienten für hirntot erklärt haben, die Angehörigengespräche führen. Hier betrug die Zustimmungsrate nur 57 Prozent. Sie stieg auf 72 Prozent, wenn ein von der DSO geschulter Arzt zum Gespräch hinzugezogen wurde.

Schaub weiß, dass das Hinzuziehen von externen DSO-Koordinatoren von einigen Kliniken grundsätzlich mit Vorbehalten gesehen wird. Seine rückblickende Studie könne letztlich auch nicht beweisen, dass diese die Entscheidung der Angehörigen direkt beeinflussen. Denn es könnte sein, dass die DSO-Koordinatoren nur hinzugezogen würden, wenn eine Genehmigung ohnehin erwartet werde. Schaub verweist aber auf das Beispiel Spanien. Dort sei bei Angehörigengesprächen neben dem Arzt, der den Patienten zu Lebzeiten behandelt hat, immer ein lokaler Transplantationskoordinator beteiligt. „Die Ablehnungsrate konnte dadurch auf etwa 15 Prozent gesenkt werden“, so Franz Schaub.

Ein anderer Faktor könnte der Zeitpunkt des Gesprächs sein. Am höchsten waren die Zustimmungsraten, wenn das Gespräch bereits während der Hirntoddiagnostik geführt wird. Schaub vermutet, dass eine frühzeitige Einbindung der Angehörigen in die Entscheidungen vertrauensbildend wirkt. Später würden sich die Angehörigen häufig vor vollendete Tatsachen gestellt sehen. Der dann herrschende Zeitdruck könnte eine Ablehnung fördern.

Auch der Medizinethiker Professor Giovanni Maio von der Universität Freiburg hält nichts davon, die Angehörigen unter Druck zu setzen. Moralische Appelle zur Organspende seien Gift, schreibt er in einem Editorial zu der Untersuchung. Die Vorführung von Menschen, denen es schlecht geht und denen mit einer Spende geholfen werden kann, erzeuge zwar Betroffenheit, sie könne aber die inneren Konflikte der Angehörigen nicht lösen, meint Professor Maio. Er plädiert daher für ein offenes Gespräch über die Zweifel und Unsicherheiten, die mit einer Organspende verbunden sind. Die Ärzte müssten offen über das Thema Hirntod sprechen. Die Menschen, denen die Organe entnommen werden, seien zwar definitorisch tot und befänden sich in einem unumkehrbaren Prozess. Sie würden aber lebensweltlich nicht als Tote wahrgenommen, da Atmung und Herzschlag bis zur Organentnahme aufrechterhalten werden. Professor Maio: „Die Medizin muss den Menschen helfen, mit dieser Dissonanz zwischen naturwissenschaftlicher Definition und lebensweltlicher Wahrnehmung umzugehen. Auch dem Hirntoten muss Respekt entgegengebracht werden, er darf nicht zu einer verfügbaren Sache erklärt werden.“


F. Schaub et al.:
Gespräche mit Angehörigen zur Organspende
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (43); S. 2189–2194

G. Maio:
Moralische Appelle zur Organspende sind Gift für das Vertrauen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2013; 138 (43); S. 2187–2188